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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1909-01-01 · 12 (1909) · p. 194

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
12 (1909)
Article
Ludwig Jacobowski
Date
1909-01-01
Page
194 (sequence 15)
Language
German
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194 Paris, bei Jena und Königgrätz sind Blutströme geflossen, die manches Alte fortschwemmten, für manches Neue den Boden düngten, zahllose Fabriken haben ihre hochmütigen Schlote gereckt als rote Paniere einer neuen Zeit, das hartsunkelnde Schienennetz des Verkehrs dehnt sich in's Endlose — Weither ist tot, und niemand weiß das besser als die Juden, die eifrigsten Pioniere des Neuen. Sie arbeiten um ihrer Liebe willen, sie dämmern nicht hin in vagen Gefühlen. So erscheint mir „Weither Der Jude" als ein in jeder Hinsicht verfehltes Werk. Dabei, aber als reiches und so vielversprechendes Buch. Sein Verfasser ist ein Poet, ein grübelnder Psycholog, ein Kulturhistoriker — aber all' das im Keime. Seine Zukunft verspricht das Beste. Die Zukunft — die er nicht^erleben sollte. Aber ein gutes Stück über die Wertherperiode hinaus kam er doch noch. „Diyab, der Narr", eine romantische Komödie vom Jahre 1895, beweist es. Auch Diyab neigt zum Werthertum, weiß sich aber kraftvoll zu fassen. Seine Studien über exotische und primitive Poesie lieferten dem Dichter wohl diesen Stoff. Er schildert in Diyab einen Araber, an dem der Makel „unreiner" Rasse haftet. Der Scheikh hat Diyab mit einer weißen Frau gezeugt. Von früh auf sah der Mischling Not und Ungerechtigkeit. Seine Mutter wurde verstoßen, er selbst verhöhnt und gegen Pie schlechteren, doch rassereinen Brüder benachteiligt. Da legte der Verbitterte die Maske eines Narren an und trennte sich von den Stammesgenossen. Doch, nützte er die selbstgewählte Einsamkeit zur Arbeit an sich selber, zur Stählung all' seiner Kräfte. Und schließlich kommt seine Stunde. Die Stunde der Not für den führerlosen, verweichlichten Stamm, die Stunde des Sieges für den „Narren". Da begrüßt ihn das Volk als Scheikh, die Geliebte als Gatten. Das anmutige Stück zeugt von kraftvollem Optimismus. Bezeichnend für Jacobowski ist es. daß Diyab's Mutter eine Deutsche und damit dem Sohne Gelegenheit gegeben ist, einen schönen lyrischen Hymnus an Deutschland zu richten.

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