Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 12 (1909)
- Article
- Ludwig Jacobowski
- Date
- 1909-01-01
- Page
- 193 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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193 gleichen Fehlers schuldig gemacht haben, den er 1891 an Ahlwardt geißelt. Woraus schließt er also auf ein sittliches oder deutsches Manko der alteren Generation? Ein anderer Punkt des Buches gibt Ausschluß. Leo Wolf will sittlich, will deutsch sein. Wie setzt er dies Wünschen und Fühlen in die Tat um? Ganz so wie ich das von den kleinen Studentengeschichten Jacobowski's berichtete: durch Fechten, Trinken, Lieben (und was für ein „Lieben"). Von ernsthaft produktiver Arbeit ist keine Rede. Wo jene drei „kommentmäßigen" Tätigkeiten nicht in Frage kommen, bleibt es bei Gefühlen, die dann allerdings den Psychologen und Juden verraten. Da ist ein Uebermaß von Selbstzergliederung, von Empfindlichkeit und Mißtrauen, das mir nur allzuwahr scheint. Geht nun nicht aus jenen aus rein äußerliches Deutschtum gerichteten Tätigkeiten überzeugend hervor, daß der jugendliche Dichter doch noch Schein und Sein, äußere und innere Ehre verwechselt? Und daraus möchte ich dann weiterschließen, daß Jacobowski unwissentlich falsche Anklage gegen die ältere jüdische Generation erhob. Die Fehler, die er an ihr sah, waren Fehler des Auftretens, der Aeußerlichkeit. Sie war nicht schlechter, auch nicht undeutscher, als ihre Söhne — hatte ja mitgeholfen bei Königgrätz und Sedan! — sie war nicht reicher an Betrügern und Verbitterten, als die jungen, reichsdeutschen Juden; nur der Schneid, das äußerliche Ehrgebahren, das forcierte Germanentum mochte ihr fehlen! . Und wenn Jacobowski der jungen, jüdischen Gene- .ration eine Werther-Liebe zum Reich zuschrieb, so irrte er meiner Meinung nach auch hierin. Gewiß, eine Liebe, die heiß um Erwiderung ringt, bestand und besteht. Aber eine Werther-Liebe? Was macht denn den Weither aus? Doch nicht sein überschwängliches, unseliges Liebesgefühl. So etwas lebt in vielen Menschen aller Zeiten. Charakteristisch für Werther ist nur, daß er nichts tut als fühlen, und daß er mit vernehmlicher Rede in diesen Gefühlen schwelgt. Fühlen tut man auch heute noch — aber man schweigt und handelt. Es sind mehr als vier Menschenalter hingerollt, seit Werther lebte. Auf dem Concordienplatz in 13