Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 12 (1909)
- Article
- Ludwig Jacobowski
- Date
- 1909-01-01
- Page
- 192 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3111067-3111090-3112696--3308-3112910- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
192 nun zu untersuchen, wie weit der Dichter das Rechte traf. Offenbar hat Jacobowski in seinem „Helden" sich teilweise selber porträtiert und ihm dadurch etwas typisch Jüdisches gegeben. Leo Wolf hat den jüdischen „Wir"- Ehrgeiz, von dem ich vorhin sprach, und dieser Ehrgeiz ist in der Theorie so sittlich wie möglich gerichtet. Wir wollen hilfreich, edel und gut sein, heißt es bei ihm. Er ist mit jüdischer Geistesschärfe ausgestattet und gewohnt, sich und die Mitmenschen zu analysieren. Dabei ist er ein unbarmherziger Richter, soweit die Juden in Betracht kommen. Das ist begreiflich. Will man jemanden besonders gut wissen, so muß man auch besondere Ansprüche an ihn stellen. Ferner ist Leo Wolf hingebend deutsch. Der gerade aufblühende Antisemitismus will ihm sein Deutschtum absprechen. Da kämpft er darum mit innigem, heißem Gefühl. Und grübelt zugleich darüber, ob nicht der Antisemitismus eine gewisse Berechtigung hat. Die Antwort ist merkwürdig, für sich betrachtet, unerklärlich. Ja, der Antisemitismus hat seine Berechtigung! Und nicht aus irgendwelcher Rassentheorie heraus. Sondern weil die früheren jüdischen Generationen nicht deutsch, nicht sittlich genug waren! Wirklich nicht? Woher nimmt Jacobowski diese Weisheit? Doch nicht etwa daher, daß es auch unter den Juden wie unter allen Menschengruppen verbrecherische Naturen gibt? Man könnte ihm freilich diesen Mangel an Logik zutrauen. Hat er doch die ältere „schlechtere" Generation nur in diesen zwei Juden dargestellt: in Leo's haltlos schwächlichem Vater und in dessen betrügerischem, von Shylockhaß entmenschtem Neffen und Sozius. Aber ich gedenke einer leidenschaftlichen Flugschrift des Dichters vom Juli 1891, der „Offenen Antwort eines Juden auf Herrn Ahlwardt's «Der Eid eines Juden»." Da heißt es: „Es ist eine uralte Taktik, die Herr Ahlwardt in seinem Buche anschlägt, die eben zu grundfalsch und grundschlecht ist, als daß sie neu sein könnte. Er greift eine schlimme Eigenschaft bei irgend einem Juden heraus und legt sie all' seinen Religionsgenossen bei . . ." Unmöglich kann sich doch Jacobowski in einem 1892 erschienenen Roman in gleicher Sache des