Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 12 (1909)
- Article
- Ludwig Jacobowski
- Date
- 1909-01-01
- Page
- 190 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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— 190 . — zeigen immer nur die eine Wegrichtung: Rastloses Aufgehen in deutschem Geist und deutscher Gesittung." Jacobowski fordert also für den Roman als Kunstwerk einige Nachsicht; die tut auch not. Ich setze vorerst die eigentliche „Geschichte" her. Leo Wolf, Angehöriger der Burschenschaft „Guestphalia", liebt Helene, eine Gretchennatur. Die Studentenliebschaft wird langatmig erzählt, die Burschenherrlichkeit noch langatmiger dargestellt. Sie vor allem scheint Leo Wolf auszuftillen, höchstens, daß er sich noch um die Geschäftsehre seines Vaters sorgt. Von seinem Studium hören wir nichts. Leo's Liebe zu Helene ist erst rein und zart, obwohl er das Mädchen arg quält — durch seine „Stimmungen", wie er sagt; es sind aber doch nur Launen und Willens-Schlaffheiten. Dann wird Leo aus der Kneipe von seinen Kameraden wegen der blos platonischen Liebe verhöhnt. Das geht ihm wider die Mannesehre. Sogleich ändert er sein Betragen der Geliebten gegenüber. Er quält sie noch mehr als sonst und hat bei solchen Folterungen ein gewisses Herrengefühl (ein trauriges Herrengefühl!); erstellt sie schließlich vor die Alternative: „Alles oder Nichts", und das unselige Geschöpfchen gibt ihm .auch richtig alles. Rund heraus gesagt: das ist eine Erbärmlichkeit. Die Leiden jungen Menschen konnten sich von ihrer Leidenschaft hinreißen lassen; so handelten sie rein menschlich. Leo Wolf konnte auch aus eigener Ueberlegung als kalter Don Juan die Kleine verführen; das wäre schlecht, aber immerhin menschlich. Doch ohne inneren Zwang, ja ohne innere Freude ein geliebtes Wesen unglücklich zu machen, nur weil das in einem bestimmten Kreise als „männlich" gilt, — das ist weder gut noch böse, das ist überhaupt nicht menschlich, ist molluskenhaft. Leo's und Helene's Flitterwochen währen nicht lange; er fühlt sich von der schablonenhaft „dämonisch" gezeichneten Gattin seines ehemaligen Schuldirektors angezogen. Doch ist das nur flüchtig skizziert. Leo's Vater und Vetter lassen sich im Geschäft etwas zu Schulden kommen, an seiner studentischen Ehre und Zukunft verzweifelnd reist der junge Mensch Hals über Kopf von Berlin nach Hause imd er-