Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 12 (1909)
- Article
- Ludwig Jacobowski
- Date
- 1909-01-01
- Page
- 189 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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189 aus ungemein bedeutsam, daß sich Ludwig Jacobowski derart zum Studententum stellte? Ein gleiches gilt von seinen Geschichten, in denen er studentische Sitten mit unerhörter Wichtigkeit behandelte. An und für sich liest sich so etwas ganz vergnüglich; wenn aber noch der Zweiunddreißigjährige in einem Band „Stille Geschichten" sehr, viele Seiten für die liebevollste Schilderung studentischer Bräuche verwendet, so stutzt man. Und noch eines. Wären unter diesen studentischen Bräuchen nur die „Ganzen", „Halben" und sonstigen „bedeutenden Streifen kommentmäßigen Stoffes" nebst den Hieber-Quarten und -Terzen, den Säbel- und Pistolenduellen zu verstehen, so ließe sich das mit einigen Kopfschütteln abtun. Aber Jacobowski kennt und ehrt noch eine studentische Institution: die „Kleine". Mir liegt da nichts ferner, als gegen mehr oder minder poetische Studentenliebschaften eifern zu wollen. Doch Jacobowski stellt die Sache mehrfach so hin, als gehöre zum mannhaften deutschen Studenten dreierlei: das Seidel, der Schläger, die Kleine. Treue zu halten hat man nur den ersten beiden Dingen; was aus dem dritten wird, ist einerlei. Geht es ins Wasser, — um so besser für den Dichter, der dann einen ergreifenden Schluß für feine Geschichte erhält. Hier möchte ich erstens die deutschen Studenten in Schutz nehmen und zweitens den Dichter bedauern, der seine Zeit an einen schließlich recht flachen und trivialen Stoff vergeudete. Ich selbst wäre auf diese Dinge gar nicht so weit eingegangen, wenn sie nicht leider eine so bedeutende Rolle in Jacobowski's wesentlichstem Jünglingswerk spielten, in seinem Roman „Werther: Der Jude." Um diesem Buch gerecht zu werden, muß ich es zwiefach betrachten. Als Dichtung und als bewußt kulturhistorische Arbeit. Jacobowski hat solche Teilung selber vorgenommeu. Er spricht in der dritten Auflage des Romans von diesem „Werk der Studentenjahre" als einer künstlerisch noch teilweise unreifen Arbeit. Dann fährt er fort: „In meinen Anschauungen über die Judenfrage aber bin und bleibe ich derselbe, der ich gewesen. Sie