Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 12 (1909)
- Article
- Ludwig Jacobowski
- Date
- 1909-01-01
- Page
- 184 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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184 — zugetragen, abgesehen von einem Freiburger Studiensemester und etlichen Reisen, deren weiteste ihn nach Tirol führte. Er besuchte eine Oberrealschule, las unheimlich viel und schrieb sehr zeitig gärende, unreife Verse, die leider in einer ersten Gedichtsammlung („Aus bewegten Studien") erschienen. 1887 bestand er die Reifeprüfung und begann zu studieren. Es ist charakteristisch für den Juden, daß er trotz sehr mißlicher Vermögensverhältnisse zum Studium gelangte, und es ist für Ludwig Jacobowski charakteristisch, wie vieles, wie beinahe alles er zu umfassen suchte. Natürlich trieb er Sprachen, Aesthetik und Philosophie. Aber zugleich zog es ihn auch lebhaft zur Naturwissenschaft, und er befaßte sich viel mit Darwin und Haeckel. Und endlich wollte er auf historischem, juristischem und nationalökonomischem Gebiet kein Fremdling sein. Es hat ihm Wohl zeitig genug als Ideal vorgeschwebt, einmal das Kulturgemälde seiner Zeit zu geben. Da sammelte er dann sein Handwerkszeug. Hat es aber nie gebrauchen dürfen. Was er rein wissenschaftlich geleistet hat, ist wohl nur als reine persönliche Uebung zu betrachten. Dauernden Wert für die Wissenschaft hat es kaum. Da ist seine Doktorschrift über Klinger und Shakespeare. Hier tritt er für etwas ein, was er selbst oft und eifrig geübt hat: für psychologische Kritik. Darunter versteht er ein Aufgeben des absoluten Löbens und Tadelns. Man soll den Dichter nur verstehen lernen. „Psychologisches Verständnis ist das einzige und erste, was die Kritik erreichen kann." In einem Aufsatz „zur Literatur der Gegenwart"*) stellt er genau die gleiche Forderung. „Das ist psychologische Kritik, die jenseits steht von schön und häßlich, die nach Individualitäten forscht. . . Wenn Goethe über irgend ein Werk „hübsch" oder „abscheulich" sagt, so ist das . .. belanglos. Es hat höchstens historischen Wert. *) Im „Zeitgenossen", einer Zeitschrift, die er mit Richard Zoozmcmn 1890—91 herausgab. Der „Zeitgenosse" enthält viele kritische Beiträge von Jacobowski.