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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1909-01-01 · 12 (1909) · p. 163

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
12 (1909)
Article
Eduard Glaser
Date
1909-01-01
Page
163 (sequence 29)
Language
German
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163 Die entsetzlichen Pogrome in Rußland in den Jahren 1903—1906 ließen ihn fast gleichgültig; wenigstens ergriffen sie ihn bei Weitem nicht so wie manches kleine Leid, das er mit eigenen Augen sah. Sein Verhältnis zum Judentum und zur Judenheit war in mancher Hinsicht bedauerlich. An den unglücklichen jüdischen Volksmassen Ost- Europa's und des Orients sah er viel mehr die Schattenals die Lichtseiten und hatte viel zu wenig Verständnis für den niederdrückenden und schwächenden Einffuß, den eine Jahrtausende lange entsetzliche Unterdrückung auf die .Unterdrückten mit Naturnotwendigkeit ausüben muß. Wenn ein Jude, der nicht gerade sein Freund oder Verwandter war, in eine Schwierigkeit oder Streitigkeit kam, war er meist mit dem Vorurteil rasch fertig: „Der Mann hat Unrecht," um sodann, wenn man ihm vorhielt, daß er in einem ganz ähnlich gelagerten Falle, wo kein Jude in Frage stand, entgegengesetzt geurteilt hatte, gewöhnlich mit dem allzudehnbaren Spruche zu replizieren: „Wenn zwei das Gleiche tun, so ist es nicht das Gleiche." Aber auf der anderen Seite muß man doch auch anerkennen, daß in seinem Verhältnis zur Judenheit und zum Judentum viele Züge sympathisch und nachahmenswert waren. Daß er der Versuchung zu einem Glaubenswechsel nicht unterlag, ist bei seinem ehrlichen Charakter ja eigentlich selbstverständlich: nie sprach er anders als mit Geringschätzung und Widerwillen von einem aus anderen Gründen als der religiösen Ueberzeugung entspringenden Glaubenswechsel. Ob er durch einen Uebertritt zur herrschenden Religion seinen Wunsch nach einer gesicherten Lebensstellung erreicht hätte, läßt sich natürlich nicht mit Sicherheit sagen. Unwahrscheinlich ist es aber wohl nicht, daß ein solcher Uebertritt in die Wagschale zu seinen Gunsten hätte fallen können. Ich erinnere mich noch, wie vor einigen Jahren ein namhafter christlicher Orientalist zu mir sagte: „O, der Glaser ist ein Ehrenmann! Mt ein ii*

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