Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 12 (1909)
- Article
- Herz und Gehirn in altbiblischer Auffassung
- Date
- 1909-01-01
- Page
- 88 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3111067-3111090-3112692--3200-3112806- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
88 dem Menschen gegeben als er noch allein in der Welt stand; und zwar in Form eines Verbotes, bei dessen Nichtbefolgung eine bestimmte Folge: Sterben, ausdrücklich vorhergesagt war. Und nicht die Furcht vor der Todesstrafe — erst die Stimme des Schöpfers veranlaßt das Verstecken — sondern Gewissensbisse, Scham davor, daß sie sich durch niedrige Gelüste hatten fortreißen lassen, sich eben wie nackte Tiere benommen hatten, folgten sofort auf die Befriedigung ihrer Begierde und veranlaßten die Verhüllung mit Feigenblättern. Das erste Gebot, oder wenn man will, die erste Normativbestimmung: Seid fruchtbar und mehret euch ist — ebenso wie die zehn Gebote —. ohne Androhung von Strafe für Nichtbeachtung gegeben. Aber das eine Vorausgeschickte: „Gott segnete sie", charakterisiert es, ebenso wie das vierte Gebot, als positive Bestimmung und enthält die Strafe, nämlich das Ausbleiben des Segens für Unterlassung. Aus der Grundlage der biblischen Lehre ist nun auch zu begreifen, wie das Aufhören des Lebens zu denken ist. Solange lebendes Blut in den Geweben ist, können diese nicht als abgestorben gelten; also z. B. das Gehirn nicht, wenn Plötzlich der Atem unterbrochen wird. Erst wenn durch die Unterbrechung sich eine Umwandlung des Blutes eingestellt hat, wie das rote (arterielle) Blut durch Gerinnung, Ueberladung mit Kohlensäure, durch Verhinderung der Eigenbewegung seiner Körperchen oder sonstige Veränderungen tot ist, dann ist das Leben erloschen. Welche Beimischung der Atemluft die höheren Geistesfähigkeiten des Menschen bedingt, ihn zeitweise „begeistert", schöpferische Ideen fassen läßt, ihn über Zeit und Raum erhebt, ihm Sprache, Schrift, eine Geschichte, einen Zweck seines Daseins gegeben hat und gibt — auch das wird materiell, durch Sektionen, physikalisch, chemisch rc. nie nachzuweisen sein. Das Schwanken der Wissenschaft wird am deutlichsten illustriert dadurch, daß auf einmal jetzt in den Lehrbüchern der Psychiatrie im Gegensatz zu allen früheren Anschauungen die geistigen Störungen mitbehandelt werden.