Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 12 (1909)
- Article
- Herz und Gehirn in altbiblischer Auffassung
- Date
- 1909-01-01
- Page
- 89 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3111067-3111090-3112692--3201-3112807- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
89 die auf nachweisbaren körperlichen Leiden beruhen. Einen im Fieber-, im Säuferwahnsinn, nach Vergiftung Delirierenden hat früher niemand, namentlich nicht in foro, geisteskrank genannt. Statt die Abtrennung der geistigen Störungen, deren materielle Unterlage sich Nachweisen läßt, weiterzuführen, z. B. bei der allgemeinen Paralyse, der Atrophie des Gehirns, seiner Geschwülste, den Autointoxikationen (durch Harnstoff, Galle zc.) werden nun umgekehrt diese eingereiht in die Psychosen ohne solche. Und lediglich, weil die betr. Psychiatrie des Glaubens ist, daß die Wissenschaft die materiellen Unterlagen letzterer später entdecken wird. Aus diesen Glauben hin muß doch die altbiblische Lehre nicht als überwunden zu erachten sein. Der Standpunkt Heinroth's hat seine Berechtigung nicht verloren, wenn er auch z. T. sehr anfechtbar ist. Irrsinn durch excessive Leidenschaft, durch mangelnden Widerstand gegen irrige Vorstellungen, durch Kummer, durch Untreue gegen das eigene Selbst, kurz aus psychischen Ursachen ist grundverschieden von den geistigen Störungen, die aus körperlichen Ursachen entstehen und bei denen die schon vorher vorhandene Geistesbeschaffenheit eine der ersteren scheinbar gleiche Färbung bisweilen wahrnehmen lassen kann. Die Lehre von dem Primat des Gehirns *) ist irrig. Das Leben pulsiert kraft der Tätigkeit des Herzens; und der Mensch ist durch eine unüberbrückbare Kluft von dem Tiere geschieden, weil er ein menschliches Herz hat, das von menschlichem Blut durchströmt wird. So ist denn zu hoffen, daß man nun auch der Aufforderung der heiligen Schrift: die göttlichen Lehren zu studieren, zu erkennen und zu befolgen („alle Völker werden einst bewundernd die Weisheit derselben preisen") eifrig und gern Nachkommen wird. *) Es sei an die einmal ausgestellte Hypothese erinnert, daß zur Leitung der Welt ein „Weltgehirn" gehöre. Die Vorstellung von einem Rhytmus im Weltall ließe sich aber sehr gut mit der vereinen, daß, wie im Mikrokosmos eine Pulsation stattfindet, die erstere von einem „Weltherz" ausgeht.