Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 12 (1909)
- Article
- Das Buch Ruth
- Date
- 1909-01-01
- Page
- 78 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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78 geschrieben sein, so wäre sie vergessen, bevor man sie kennen lernte.. Was ist denn nun aber das Buch Ruth? Daß es es eine Dichtung ist, das unterliegt keinem Zweifel, denn das kann man bei genauerer Prüfung schon aus den vorkommenden Namen erkennen. Die Namen sind alle künstliche Namen, mit Ausnahme des Elimelech, den ich nicht zu deuten wage, während Andere, wie Uthofs so glücklich waren, allerlei Deutungen Vorschlägen zu können. Dagegen bedeutet Naemi die Angenehme, Glückliche, Süße; die beiden so früh verstorbenen Söhne heißen der Eine der Kränkler, der Andere aber der Abzehrer; Ruth heißt die Genossin, sie ist die treue Genossin, die sich ihrer Schwiegermutter anschließt. Es ist also eine Dichtung, aber aus historischem Grunde, eine alte Geschichte, die im Volke lebte. Was für eine Dichtung ist es? Es ist eine Volksdichtung. Die ist nicht von irgend einem Dichter allein gemacht, sondern, wie unsere Märchen Jahrhunderte lang getragen worden von Mund zu Mund, auch verändert von Generation zu Generation, immer wieder umgestaltet nach dem Geiste der Zeit und der poetischen Fähigkeit der verschiedenen Hände, durch welche der Stoff gegangen ist. Eine solche eigentliche Volksdichtung ist auch unsere Ruth, bis auf den Punkt, wo sie festgehalten wird, wie das auch bei uns mit den Märchen einst geschehen ist. Das eigentliche Wertvolle in der Dichtung ist der in ihr liegende sittliche Gehalt, und dieser ist auch nicht das Erzeugnis eines Einzelnen und eines Schriftstellers, sondern der Volksseele, die die daran gearbeitet hat. In ihr hat sich erst allmählich der Goldgehalt des sittlichen Lebens, wie er dort in einzelnen sittlichen Zügen zum Ausdruck gekommen ist, entwickelt, und als die Zeit gekommen und die Höhe erreicht war, hat man die Dichtung ausgeschrieben, und es entstand das Bedürfnis, dieses Erzeugnis des Volksgeistes festzuhalten es ebenbürüg den anderen, inzwischen emporgekommenen Schriften anzureihen. Wann mag nun die Schrift etwa abgefaßt sein? Es wird die Andeutung genügen, daß die verschiedenen