Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 12 (1909)
- Article
- Das Buch Ruth
- Date
- 1909-01-01
- Page
- 77 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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77 unter dem Titel „Biblische Idyllen" vor Allem und am . schönsten die Ruth bearbeitet und noch drei kleinere andere Geschichten, wie die von Abraham usw. Hat sie da auch eine Tendenz gehabt? Wahrlich nicht. Aber, wie merkwürdig, wann hat Karoline Pichler diese Schrift geschrieben? Kein Mensch würde es ahnen, und die Herren Kritiker würden es nicht zugeben, wenn es nicht schwarz auf weiß gedruckt wäre, nämlich unmittelbar vor dem Beginne des Jahres 1812. Im Dezember 1811, als die Vorbereitungen in ganz Europa zu den größten kriegerischen Ereignissen dieses Erdteils stattgefunden haben — den größten, denn ganz Europa stand dabei unter Waffen — hat Karoline Pichler diese Idylle gedichtet und herausgegeben. Wenn also das an dem grünen Holze unseres Jahrhunderts geschehen, und mitten in den kriegerischen Ereignissen ein dichterisches Gemüt sich entschließen kann, eine solche Idylle zu schreiben, ohne daß sie irgendwie mit den Tendenzen der Zeit und der Umstände sich in einem Zusammenhänge befindet; wie sollen wir 3000 Jahre zurück von einer solchen Tendenzdichtung reden! Noch mehr: Ich habe in meinem Leben Gelegenheit gehabt, mit vielen von denjenigen unserer deutschen Dichter in sehr intimer Verbindung zu sein, denen man oft nachgesagt hat, sie seien vorzugsweise Tendenzdichter. Ein Drama und ein Roman soll ja jedesmal eine, bestimmte Lehre dem Volke einprägen. Ich nenne nur Berthold Auerbach, Karl Gutzkow; und vielleicht am höchsten in psychologischer Beziehung steht Otto Ludwig; es ist unleugbar, daß in jeder ihrer Dichtungen eine Tendenz enthalten ist, aber die Genannten haben nicht um der Tendenz willen gedichtet, sondern weil sie dazu innerlich getrieben wurden, weil sie dichten mußten. Damit aber ihre Dichtungen Eingang finden und die Gemüter ergreifen, nehmen sie bestimmte Gegenstände mit bestimmten Grundgedanken und bestimmten Zielen dessen, was im Gemüt der Zuschauers oder Lesers herauskommen soll; aber es entsteht die Dichtung nicht, nur damit eine Dichtung stattfinden soll. Würde eine Dichtung nur an Stelle einer ’ politischen Broschüre