Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 12 (1909)
- Article
- Das Buch Ruth
- Date
- 1909-01-01
- Page
- 76 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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76 sich ereignet hat, denn wer sie auch geschrieben haben -möge und wann dieses auch geschehen sei, erscheinen gleichgültig: Es sei ein biblisches Buch und alle biblischen Bücher habe der heilige Geist diktiert — und damit sind wir fertig. ° Das äußerste Extrem der gegnerischen Ansicht ist, daß nicht wenige Erklärer heutzutage behaupten, das Buch Ruth sei eine politische Broschüre, ein Pamphlet, eine Parteischrift; es sei-im Dienste einer Partei geschrieben, um den darin ausgedrückten Gedanken Nachdruck im Volke zu geben. Die eine Partei hielt auf die Reinigung der Familien, indem sie wünschte, daß diejenigen, welche fremdländische Frauen genommen haben zu der Zeit des Exils, also nicht aus eigener Macht, sondern unter der Statthalterschaft eines Fremden/nicht das Beispiel zu weiterer Befolgung dieser Sitte geben, sondern alle diese Mischungen aufhören sollten, und die Juden nur Jüdinnen zu heiraten hätten. Demgegenüber sei aber die andere Partei der Meinung gewesen, sich solche nationalen Schranken nicht auferlegen zu wollen, sondern das Konnubium, d. h. die gegenseitige Heiratsgewohnheit aufrecht zu erhalten. Um dem Ausdruck zu geben, habe ein kluger Mann sich hingesetzt und solche Geschichten von der Ruth sich ausgesonnen, nach welcher eine Fremde die Stammhalterin des Königshauses David gewesen ist. Es handle sich Hier also um eine Tendenzschrift. Aber diese Ansicht ist unhistorisch und Noch mehr unpsychologisch, weil sie der Erkenntnis der damaliger: Kulturzustände widerspricht. Man hat nicht vor drittehalbtausend' Jahren sich hingesetzt und im Interesse einer politischen Parteimeinung eine Dichtung geschrieben. Wie wenig blicken doch diejenigen, welche so eine biblische Schrift lesen, in die wahrhaften Vprgänge hinein! Wie sehr entnehmen sie ihre Vorstellungen nur der neueren Zeit und zwar der neueren Zeit selbst, nur ganz von oben abgeschöpftI Was soll nun ein solcher Kritiker, der diese Idylle als eine Tendenzschrist hinstellt, davon denken, daß eine poetische Bearbeitung dieser Idylle in unserem Jahrhundert in Deutschland stattgefunden hat? Karoliue Pichler hat