Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 12 (1909)
- Article
- Das Buch Ruth
- Date
- 1909-01-01
- Page
- 75 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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75 ist, als sie gespielt hat, denn der Erzähler sagt, man hat an diesem Tage, um das Vertragsverhältnis festzustellen, dies und das vorgenommen. Der Verzichtleistende hat nämlich seinen Schuh ausgezogen, denn vormals war es so Sitte. Also „vormals", zu der Zeitwo er schreibt, machte man's nicht mehr. Und in der Tat sehen wir zu Zeiten des Jeremias nichts mehr von solchen äußerst dunklen Andeutungen einer Feststellung, wie das Ausziehen eines Schuhes ist, sondern es ist ganz genau die Rede davon, daß die Zeugen zusammengebeten werden, daß geschrieben und gesiegelt wird und daß es dabei einen geschlossenen und einen offenen Brief gibt. Für den Letzteren halte ich das eigentliche Couvert, denn es heißt: Der offene Brief, in welchen das alles eingelegt wird. Wir sehen also, es ist eine vergangene Zeit, in welcher solche urväterliche Sitten noch geherrscht haben, von denen der Erzähler nur als von längst vergangenen Dingen, die man nicht mehr kennt, spricht. Es kommt auch noch etwas anderes in dem Buche vor, das ebenfalls auf eine solche vergangene Zeit hindeutet. Das ganze Verhältnis, wie Ruth und Boas sich stellt und wie die Lösung der Frage herbeigeführt wird, hat einen Vorgang, den wir, kurz gesagt, einfach nicht verstehen. Wir verstehen ihn um so weniger, wenn wir uns überlegen, wie ethisch hochstehend, wie sittlich geläutert und sittigend verfeinert diese beiden Charaktere bereits sind, gleichwohl aber der Vorgang doch ein solcher ist, wie er eben vorgeführt wird. Und nun wollen wir einmal die Frage stellen, welche oft aufgeworfen worden ist, was ist denn eigentlich das ganze Buch? Darüber sind die Meinungen außerordentlich verschieden. Eine kleine Schrift von 3 Kapiteln mit 85 Versen; wenn man 30 von unseren Kommentaren durchlieft, so hat jeder davon eine andere Ansicht darüber. Die Hauptgegensätze, um welche es sich handelt, sind einfach diese: Die Einen — und das war die alte Tradition, welche vielfach noch beibehalten wird — meinen, es sei eben ein historisches Buch, es sei eine wahre Geschichte, die in jedem Worte, wie sie hier erzählt ist.