Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 12 (1909)
- Article
- Das Buch Ruth
- Date
- 1909-01-01
- Page
- 74 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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74 der sonstigen europäischen Kulturvölker einen Gegensatz sehe. Wir sind alle daran gewöhnt, in Deutschland, Frankreich und England, daß, wer zu einem Anderen hereinkommt, zuerst grüßt, sonst gilt er als unhöflich. Dahingegen ist es bei den Juden anders gewesen. Sobald Jemand hereinkommt, sagt der Hausherr: „Gesegnet sei der Eingehende" und der Andere antwortet: „Gesegnet sei der Anwesende." Sitzen die Anwesenden bei Tische, so richtet sich der Gruß darnach. Immer spricht aber derjenige, welcher bereits am Orte ist, seinen Gruß gegen den Andern zuerst aus, er möge begrüßt sein, wie er wolle. Ich wollte nun gern wissen, wie weit geht das zurück, seit wann haben die Juden diese Art der Grußform, nach welcher der Anwesende den Gruß zuerst spricht, angenommen? Wir haben allerlei Vermutungen, aber keine Gewißheit darüber. Es kann ja sein, daß es in vielen Fällen auch überhaupt gar nicht von der Zeitfolge abhängt, sondern von dem gesellschaftlichen Grade der Beiden, des Kommenden und des Anwesenden. Das vermute ich deshalb, weil wir hier in unserm Buche finden, daß Boas daher kommt und er zuerst zu den Anwesenden den Gruß spricht und sagt: Gott mit Euch! während diese erst jetzt antworten. Es kann sein, daß es sich damit so verhält wie in China. In China grüßt nicht wie bei uns, der Geringere den Größeren zuerst, sondern umgekehrt; er gibt gewissermaßen dem Geringeren die Erlaubnis: Du darfst mich grüßen, und er dankt im Voraus dafür, daß der Andere ihn grüßen soll. Wenn wir darüber noch eine Geschichte hätten, würden wir mehr wissen, namentlich wenn wir noch in einer anderen Literatur etwas darüber fänden. Wir würden dann auch noch Aufklärung über manche andere Dinge erhalten, so z. B. über den Vertrag, der dort abgeschlossen wird. Die Ruth wird nämlich nicht blos die Frau des Boas, sondern zu gleicher Zeit geht das liegende Grundeigentum, welches ihr Mann und ihr Schwiegervater besessen hat, mit ihr in die Ehe hinein. Wir sehen hier aus einem einzigen Worte, daß die Geschichte viel später ausgeschrieben