Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 12 (1909)
- Article
- Das Buch Ruth
- Date
- 1909-01-01
- Page
- 72 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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auf. Nach unserer Weise zu denken, spielt die Geschichte eigentlich gegen Ruth und um sie. Ruth und Boas, das ist das Idyll. Allein der Erzähler, welcher die Sache hier vorgetragen hat, schiebt immer zu gleicher Zeit Naemi mit in den Vordergrund. Bei der Rückkehr aus Moab ist von der Ruth kaum die Rede, sondern nur von der Naemi. Am Schlüsse sogar, wo Ruth nun einen Knaben'geboren hat, der der Stammhalter des Davidischen Hauses werden soll, wird immer die Naemi hervorgekehrt, und ihr Trost gespendet dadurch, daß die Ruth ihr einen Sohn geboren habe. Das ganze Buch wird hierdurch nichts Anderes, als die Illustration zu dem einen schlichten Gedanken: Selig sind die Leidtragenden, denn sie sollen getröstet werden. Daher wird Naemi immer mit hineingeschoben; sie kommt als die Leidende zurück, sie ist die Unschuldige in diesem Leide, und sie soll getröstet werden. Auch sonst ist eigentlich jede Zeile in diesem Buche mindestens historisch außerordentlich richtig. Man kann für die Geschichte vergangener Zeiten, für die Kulturzustände und Sittenverhältnisse außerordentlich viel daraus lernen. Auch episch ist. die Geschichte sehr lehrreich. Eine große Anzahl von einzelnen Punkten, beinahe jedes Wort verdient es, daß man darauf achtet und sieht, was sich eigentlich daraus ergeben hat. Im Laufe der Zeiten, namentlich als der biblische Geist, der darin zum Ausdruck gekommen ist, unter den Kulturmenschen Europas und Amerikas sich verbreitet hat, war es der gesättigte volle Inhalt der Geschichte, welcher stets neue Anregung gab. Ich habe schon vom Dialog gesprochen zwischen Naemi und Ruth. Ich zweifle keinen Augenblick daran, daß dieser Satz: Dein Volk ist mein Volk und dein Gott ist mein Gott, damals schon, als die Dichtung niedergeschrieben wurde, ein altes geflügeltes Wort gewesen ist. Dasselbe reicht gewiß weit hinauf bis in die ältesten religiösen Volksgemeinschaften, unter denen, die nicht schon durch die Geburt zusammengehören. Wie im Einzelnen Vieles uns cnigegentritt, was lehrreich und anregend ist, das sehen wir auch daraus, daß, um nur ein Beispiel anzuführen, Naemi an der einen Stelle der Schrift sagt: