Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 12 (1909)
- Article
- Das Buch Ruth
- Date
- 1909-01-01
- Page
- 71 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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71 wenn das Leben zu Ende ist, noch das Sterben, und auch da will sie nicht getrennt sein: Wo du stirbst, da sterbe ich auch: da will ich auch begraben werden. Der Lohn dafür ist, daß sie das Höchste erreicht, was einem Weibe zu erreichen gestattet ist. Sie hat nicht blos Kinder und Enkel bekommen, sondern ihre Enkel sind die geliebtesten und verehrtesten Menschen des ganzen Volkes geworden bis auf den heutigen Tag. In allen Gebeten, Hymnen, Poesien, immer wieder ist es ja der König David, der königliche Sänger, der zu gleicher Zeit die Synagogen und Kirchen mit seinem Gesang gefüllt hat und ihn bis auf den heutigen Tag immer wieder ertönen läßt. Von diesem Geschlechte der Daviden wird sie die Stammmutter, sie die Fremde, die Nichtjüdin — also die reine nationale Sache ist es, die uns hier entgegentritt: das ist eine der großen Lehren, die uns in dem Buche vorgeführt wird. Eine Fremde, eine nicht geborene Hebräerin und Israelitin, und sie wird zur Stammmutter des Königshauses — das erzählt uns diese Geschichte. Und sie wird es, weil eben ihr Lohn vollkommen sein wird vor Gott, unter dessen Flügeln Schutz zu suchen sie gekommen ist. Eingetreten in den sittlichen Verband, in die religiöse Gemeinschaft aus freier Wahl, nicht durch Geburt, sondern von dem eigenen Gemüt getrieben, erhoben auf die Höhe, die sie hier vor sich sieht, ist ihr Lohn, daß sie erreicht, was keiner geborenen Israelitin jemals vergönnt gewesen ist. Und beide Lehren — die erste wie die zweite — sie hängen durch einen und denselben Grundgedanken wiederum aufs Innigste zusammen. Elimelech stirbt mit seinen Söhnen, weil er sich trennt von den Unglücklichen: Ruth wird erhoben, weil sie sich von der Unglücklichen nicht trennen will. Der Grundgedanke also geht durch die ganze Geschichte von Anfang bis zum Ende; so scheinbar völlig verschieden von einander die beiden Teile derselben auch sind, so sind sie gleichwohl getragen von einem einzigen Gedanken. Ich will noch Eins hinzufügen. Wenn wir modernen Menschen mit unseren Vorstellungen von der Komposition einer Dichtung dieses kleine Buch Ruth lesen, so fällt uns Eins