Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 12 (1909)
- Article
- Das Buch Ruth
- Date
- 1909-01-01
- Page
- 70 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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70 der Gesamtheit scheidet, so geht er eben zu Grunde. Die zweite Person unserer Geschichte ist Ruth, eine Schwiegertochter der Frau des Elimelech, der Naemi. Die Naemi war allein zurückgeblieben drüben in Moab, als ihr Mann und ihre beiden Söhne gestorben waren, allein mit ihren zwei Schwiegertöchtern. Da sie nun hört — im Lande Moab hatte sie ja nichts mehr zu suchen — daß es daheim wieder gut gehe, will sie aufbrechen, um der Sehnsucht ihres Herzens folgend, im Vaterlande die letzten Tage ihres Lebens zu verbringen. Sie kehrt also zurück. Die eine von den beiden Schwiegertöchtern läßt sich von ihr abwenden. (Es ist interessant genug, daß, wie kurz die ganze Geschichte auch ist, doch so außerordentlich viel darin nicht blos erzählt, sondern sogar mit der größten Genauigkeit erzählt wird, daß uns sogar die Dialoge mitgeteilt werden, die gewechselt sind.), Die andere Schwiegertochter aber, Ruth, folgt ihrer Schwiegermutter. In der Tat, ein Akt der Treue, wie er sehr selten angetroffen wird. Es ist schwer für eine Fremde, in ein fremdes Land zu gehen, und sie kommt sicherlich als eine Arme, eine Dürftige dahin. Sie geht zu einem anderen Volke! Und dennoch spricht sie jene berühmten Worte, die säst sprichwörtlich geworden sind, ja welche zu den geflügelten Worten fast aller Kulturvölker gehören, weil sie das ganze Leben umfassen, jene Worte: „Wo du hingehest, da will ich auch hingehen, wo du bleibest, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk und dein Gott ist mein Gott. Wo du stirbst, da sterbe ich auch: da will ich aucki begraben werden." Also Bewegung und Ruhe! Alle irdischen Verhältnisse sind umschlossen durch den Begriff: Dein Volk ist mein Volk, denn das ganze wesentliche Schicksal eines Individuums liegt nicht in ihm als Individuum, sondern in ihm als seinem Volke. Und das, was ihn heraushebt in seinem Leben und mit dem Unendlichen verknüpft, das göttliche Wesen, ist hier vertreten, und auch hier schließt sich Ruth Naemi an und will sich von ihr nicht trennen denn sie sagt: Dein Gott ist mein Gott! Nun bleibt,