Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 12 (1909)
- Article
- Das Buch Ruth
- Date
- 1909-01-01
- Page
- 65 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3111067-3111090-3112691--3176-3112783- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
65 Nichtsdestoweniger übertreibt man nicht, wenn ich behaupte. die Literatur über das Buch Ruth füllt eine ganze Bibliothek, eine stattliche Bibliothek, und die Zahl der Geister, welche daran gearbeitet haben, übersteigt Hunderte, vielleicht tausende. Ich will nicht leugnen, daß zuweilen einmal des Guten zuviel getan ist. Die ersten Worte der kleinen Geschichte von der Ruth lauten: „Es war in den Tagen, da die Richter richteten." Und da tauchte dann gleich die Frage auf, ja, unter welchen Richtern aber geschah es? Mit Recht bemerkt dazu der außerordentlich geistreiche und witzige Professor Reuß, die Untersuchung, unter welchem Richter diese Geschichte sich ereignet habe, gehöre nicht mehr in die Geschichte der Literatur, sondern in die Geschichte des gelehrten Philistertums. Wie fleißig gearbeitet worden ist, davon nur ein Beispiel. Das Buch hat nur 8b Verse. Die gewöhnliche Bibel in Oktav umfaßt von diesen: Buche nur drei Seiten. Der Kommentar, welchen Gerhardus Uthofs, ein Holländer, über das Buch Ruth verfaßt hat, enthält eine lange Vorrede, eine sehr lange Einleitung, ein Register und 905 engbedruckte Seiten Erklärung. Also 3 Seiten Text und 905 engbedruckte Seiten Erklärung! Die Holländer stehen übrigens in sehr gutem Ansehen bei uns, die wir uns mit der Bibelforschung beschäftigen, sie haben ausgezeichnete Männer hervorgebracht, die zu den Führern auf geistigem Gebiete gehören, ich brauche nur an Namen zu erinnern wie Juynboll, Hecker, Küenen. Das Buch Ruth gehört zu den schwersten in der Bibel. Zu allen Zeiten ist verschieden gearbeitet worden, jedesmal aus dem Geist der Zeit heraus, nicht blos aus den persönlichen Fähigkeiten, die ja sehr verschieden waren, sondern auch — das gehört zur eigentlichen Geschichte dieses Gegenstandes, der so das wesentlichste, das tiefste der verschiedenen nationalen Charaktere der europäischen Kulturvölker erfüllte — daß in jedem Zeitalter anders über dieselben Dinge gedacht wurde, ganz andere Fragen aufgestellt, sehr natürlich auch ganz andere