Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 12 (1909)
- Article
- Literarische Jahresrevue
- Date
- 1909-01-01
- Page
- 57 (sequence 40)
- Language
- German
- Belongs to
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ursprünglichen Künstlerschaft, in seiner Originalität und Objektivität, sondern vor allem in der Tiefe und Innigkeit, mit der er seinen Stoff behandle. „Zwangwill liebt sein Volk und seine Werke sind die Liebestaten eines Genies. Er sieht die Vorzüge und Schwächen dieses Volkes mit dem gleichen umfassenden Blick, aber während er die ersteren mit flammender Beredtsamkeit verkündet, hat er für die letzteren meist ein gütiges, verzeihendes Lächeln." Neben Zangwill nimmt heute unstreitbar Georg Herrmann den ersten Rang ein. Auch sein zweiter Roman „Henriette Jacoby" hat sich großen Beifalls zu erfreuen. Ja, die Kritik hat diesen sogar über den ersten Roman, über „Jettchen Gebert" gestellt. In der Tat enthält auch dieses Werk wieder wunderbare Milieu- und Naturschilderungen. Auch wenn man mit der Art und Weise, wie Herrmann den Tod seiner Heldin eintreten läßt, ja vielleicht sogar mit der ganzen Entwickelung ihres Charakters nicht einverstanden sein sollte. Man muß doch immer wieder die dichterische Intuition und Kraft dieses Autors bewundern, mit der er uns in eine längst untergegangene Welt hineinstellt, und diese so anschaulich zu schildern weiß, daß man für jede einzelne Gestalt sofort das lebhafteste Interesse hegt und die Entwickelung des Ganzen mit warmer Teilnahme verfolgt. Ein ganz anderes Bild bietet uns Arthur Schnitzler. Sein „Weg ins Freie" stellt den Typus des modernen jüdischen Zeitromans dar, aber ein Roman im eigentlichen Sinne des Wortes ist er doch nicht, viel eher eine Milieuschilderung. Als solche freilich von hohem Werte, denn die Wiener Gesellschaft in ihrer bunten Mischung von Unglaube und Aberglaube, von hypermoderner Weltanschauung und österreichischer Gemütlichkeit, von Zionismus und Atheismus ist niemals treffender geschildert worden, als von diesem feinen Beobachter. Arthur Schnitzler behandelt seine Gestalten mit seiner Ironie. Aber es ist ihm heiliger Ernst, wenn er eine von diesen sagen läßt: „Es gibt schon Juden, die ich wirklich hasse, als Juden hasse. Das sind die, die vor anderen und