Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 12 (1909)
- Article
- Literarische Jahresrevue
- Date
- 1909-01-01
- Page
- 56 (sequence 39)
- Language
- German
- Belongs to
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56 in Frankreich so gut wie in Berlin, in Rußland wie in England und am meisten in Amerika! Dazu gehört freilich nicht blos ein großes Talent, nicht blos ein gesunder Realismus der Darstellung und auch nicht blos poetische Kraft, sondern das Studium der Verhältnisse, der Personen und der Zeitgeschichte. Für uns wäre es schon ein großer Gewinn, wenn jüdische Romane die Leser in die Geschichte selbst einführen wollten, welche in so romantischer Beleuchtung sich oft mehr dem Verständnis erschließt als in den allgemeinen Umrissen der historischen Handbücher. Denn wie nur die Philosophie der Geschichte den geistigen Gesichtskreis für die große Epoche der Menschheitsentwickelung eröffnet, so gibt nur die Spezialgeschichte einen klaren Blick in das Triebwerk unserer Taten, in die Motive unserer Ereignisse, ein klares Bild der konkreten Begebenheiten. Solcher historischen Romane besitzen wir leider sehr wenige. Bei uns blüht der Zeitroman, der uns in die Gesellschaftskreise, in die Konflikte der Stände, der Neigungen und der Satzungen einführt. Neuerdings sucht man auch Charaktere und Tendenzen aus dem Kreise der Gesellschaft herauszugreifen, die ein besonderes Interesse haben. Aber den Kern über das Wesen des jüdischen Lebens haben bisher doch nur wenige erfaßt. Der erste und größte Autor ist gegenwärtig Israel Zangwill. In diesem Jahre sind seine „Träumer des Ghetto" in deutscher Uebersetzungsausgabe erschienen. Unter diesen Träumern versteht er Charaktere wie Uriel Acosta, Sabbatai Zevi, Spinoza, Israel Baalschem, Mendelsohn, Heine, Lassalle, Disraeli, Herzl u. a. Bon jedem dieser „Träumer" weiß Zangwill eine so charakteristische Geschichte zu erzählen, daß man den Mann in seinen wesentlichen Charaktereigenschaften dadurch kennen lernt. Jeder seiner Essays ist ein Kunstwerk und zugleich ein kulturhistorisches Dokument. Mit Recht ist gesagt worden, daß Zwangwill nicht etwa als Jude für die Juden schreiben wolle, sondern daß er im Gegenteil auf das allgemeine Interesse reflektiere. .Seine Bedeutung liegt nicht nur in seiner