Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 12 (1909)
- Article
- Literarische Jahresrevue
- Date
- 1909-01-01
- Page
- 55 (sequence 38)
- Language
- German
- Belongs to
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55 Und nun kommen wir zu der Belletristik an sich, die auch in diesem Jahre üppig ins Kraut geschossen ist. Der jüdische Roman ist nun einmal ein Modeartikel geworden. Schade uur, daß die meisten Autoren im Grunde genommen so wenig vom Judentum wissen. Was könnte zum Beispiel da auf dem Gebiete des historischen Romans geleistet werden, wenn die Romanschriftsteller sich nur ein bischen mehr Mühe geben und die großen Geschichtswerke, Chroniken und andere Bücher aufmerksam durchlesen wollten? Man darf getrost sagen: jede Seite der mittelalterlichen jüdischen Geschichte enthält den Stoff zu einem Drama oder zu einem Roman in sich. Wir wünschten uns einen Autor etwa wie Gustav Freytag und zwar nach beiden Richtungen hin, sowohl was den historischen als was den Zeitroman anbelangt. Mit Heller Bewunderung folgt man den Spuren dieses Dichters auf seinem Gang durch das deutsche Mittelalter. Welche jahrelangen, mühevollen und umfangreichen Studien muß der Mann gemacht haben, ehe er dazu gelangen konnte, die ersten Bände seiner „Ahnen" niederzuschreiben. Und was man auch gegen diese Romanreihe einwenden mag, wie glücklich wären wir, wenn wir eine solche Ahnenreihe besäßen! Gerade die jüdische Geschichte bietet hierzu überreichen Stoff. Die Schicksale einer jüdischen Familie etwa von der Zeit der spanischen Blüte an bis auf die Gegenwart könnte vier gute und aufschlußreiche Romane füllen, die nicht nur ein anschauliches Geschichtsbild geben würden, sondern auch durch romantische Schicksale, durch den Wechsel der Formen und Gestalten sowie des Landes ein großes romantisches Interesse erwecken könnten. Und ebenso wünschten wir uns einen Gustav Freytag für den modernen Roman, der das jüdische Volk bei seiner Arbeit aufsucht und nicht blos Nathans und Shylocks, sondern den Juden in seinem redlichen Erwerb, in seiner Familie, in seinen bürgerlichen und religiösen Verhältnissen darstellt. Was bietet sich hier für ein reiches Material in den verschiedenen Ländern, wo Juden leben,