Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 12 (1909)
- Article
- Literarische Jahresrevue
- Date
- 1909-01-01
- Page
- 20 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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20 essant, daß einer der modernsten unter den Modernen, der große französische Schriftsteller Anatole France jüngst bei der Eröffnung einer Volksbibliothek in Frankreich genau denselben Gedanken ausgesprochen hat. Auch er weiß von dem Kampf der Bücher zu erzählen, die über alles streiten, über Gott, die Natur, den Menschen, die Zeit, Zahl und Raum, das Erkennbare und Unerkennbare, die alles untersuchen, dieses bestreiten, jenes bekräftigen und anderes wieder leugnen. Dieser Gedanke könnte in einer großen Büchersammlung den Menschen traurig stinnnen, aber der große französische Wahrheitsucher weiß aus diesem Streit der Bücher eine sehr weise Lehre heraus zu hören. Aus all den widersprechenden Reden zieht er eine große moralische Weisheit nämlich diese: „Wir werden erkennen, daß diese Schönheit und die Größe des menschlichen Geistes darin besteht, ohne Ermüdung, ohne Unterlaß, mitten unter Mühsalen und Gefahren die Wahrheit zu suchen, die vor ihm stets zu stiehen scheint. Wir werden seine erhabene Anstrengung bewundern, und wenn wir die absolute Wahrheit nicht zu besitzen glauben, so werden wir wenigstens die schönste, süßeste und klügste aller Tugenden erlangen: die Toleranz! Das ist es, was uns der Streit der Bücher lehrt." Zwischen Anatole France und dem Midraschlehrer liegen vielleicht zwei Jahrtausende, aber über Raum und Zeit reichen sich der alte und der moderne Prediger friedlich die Hand. Sie verkünden uns die beiden großen Gedanken, von denen sich jede Untersuchung über das Schaffen und Weben auf allen Gebieten des Geistes leiten lassen muß. Wie weit auch die Forschung auf dem Gebiete der vergleichenden Religionsgeschichte gelangen mag und was auch die Ausgrabungen im alten Orient bisher zu Tage gefördert haben: Die Größe und Tiefe des Bibelwortes haben sie nicht zu erschüttern geschweige denn zu zerstören vermocht. An Versuchen hierzu hat es ja nicht gefehlt: in dem Bemühen, die Geschichte Israels alles Wunderbaren zu entkleiden und diese in die Reihe der aller anderen Völker des Altertums einzuordnen, wenn