Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 12 (1909)
- Article
- Rückblick auf das Jahr 5668
- Date
- 1909-01-01
- Page
- 11 (sequence 10)
- Language
- German
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11 leidet doch das dortige Judentum, wenigstens für den Augenblick, unter der durchgreifenden Trennung zwischen Kirche und Staat, die eine Folge der heftigen Feindschaft des Klerikalismus gegen die liberale Republik gewesen ist. Die staatliche Organisation auch des jüdischen Kultus und seine pekuniäre Unterstützung aus der Staats-; lasse sind fortgefallen. Aber wenn nicht alle Zeichen trügen, so wird die französische Judenheit die große Krisis glücklich überwinden. In allen jüdischen Gemeinden haben sich Religionsvereine gebildet, die alle Funktionen freiwillig weiterführen werden, die bis dahin die vom Staate unterstützten und mit öffentlich rechtlichen Gewalten ausgerüsteten Autoritäten geübt haben. Die Gemeinden vereinigten sich zu einer Zentralunion, die an Stelle der früheren Konsistorialverfassung tritt. Am 10. Dezember 1907 fanden in voller Ordnung die Wahlen zu dessen „Zentralrat" statt, unter großer Beteiligung der Wähler. Das Werk wurde vervollständigt, indem der Zentralrat am 6. Februar 1908 einen Großrabbiner für Frankreich ernannte in der Person des auch durch wissenschaftlich literarische Arbeiten bekannten Großrabbiners von Lyon, Alfred Levy, dem zwei hervorragende jüdische Theologen als Beisitzer zur Seite gestellt wurden. Wir stehen nicht an, diese Wiedergeburt des anscheinend in . öden Jndifferentismus versunkenen französischen Judentums als eines der glücklichsten Ereignisse der jüdischen zeitgenössischen Geschichte zu bezeichnen. Auf einem Boden, den man für aussichtslos dürr und unfruchtbar ansah, entfaltet sich in überraschendster Weise die unversiegbare Lebenskraft unserer Gemeinschaft und trägt sofort Blüten und Früchte. Ein wie hoffnungsvoller, das Vertrauen stärkender Vorgang! Es zeigt sich von neuem, daß nicht Zwang, sondern Freiwilligkeit und Selbständigkeit der Lebensodem unserer Religionsgemeinschaft ist — und solche Tatsachen beweisen mehr für deren Zukunft als alle Phrasen und Theorien. In der scharfen und belebenden Luft der Freiheit gedeiht das Judentum, und wir in ihm! So wird die Abstreifung des staatlichen Zwangskleides und der staat-