Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 12 (1909)
- Article
- Rückblick auf das Jahr 5668
- Date
- 1909-01-01
- Page
- 12 (sequence 11)
- Language
- German
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12 lichen Wohltaten auf die französische Judenheit einen günstigen, erweckenden, fördernden Einfluß üben. Das Entstehen einer kleinen, aber begeisterten Reformgemeinde in Paris paßt in diesen Rahmen. Denn auf welchem religiösen Standpunkte man auch sich befinden möge, man muß die Möglichkeit zugeben und billigen, daß innerhalb der jüdischen Gemeinschaft jede ehrliche religiöse Anschauung zum Ausdruck komme. In ihren Kolonien führt leider die französische Regierung die Gleichberechtigung der nichtkatholischen Elemente, die im Heimatlande mit so dankenswerter Vollständigkeit verwirklicht wird, nicht durch. Sie glaubt in jenen Gegenden des Beistandes der engherzig nationalistisch gefärbten Elemente der französischenKolonistenbevölkerung, im Gegensätze zu den Eingeborenen, nicht entraten zu können. Man erinnert sich, wie lange sie dem Treiben der Antisemiten in Algerien mit verschränkten Armen zugeschaut hat. Im Beylik Tunesien verweigerte sie auch den ehrenhaftesten und gebildetsten Juden grundsätzlich die Naturalisation als Franzosen, angeblich um die Mohammedaner nicht in Zorn zu versetzen; aber auch die Naturalisation durch andere Regierungen ist den Juden unmöglich geworden, da jene sich weigern, Untertanen Frankreichs anzunehmen. So unterstehen alle Juden des Beyliks der Rechtsprechung der niohammedanischen Kadis, die ihnen von vornherein ungünstig ist. Auch insofern sind die Juden viel ungünstiger gestellt wie die Mohammedaner, als diese durch dreijährigen Militärdienst in einem französischen Regiment das Staatsbürgerrecht erwerben können, die tunesischen Israeliten aber von dem Soldatenstande ausgeschlossen sind. Diesem wahrhaft skandalösen, an Rußland erinnernden Zustande muß offenbar bald abgeholfen, der Einfluß der Mönche und des Erzbischofs von Karthago gebrochen werden. Aus England ist nichts Neues zu berichten: glücklich die jüdische Gemeinschaft, über die man schweigen darf. Die britische Regierung fährt fort, ausgezeichneten Israeliten die höchsten Ehren des Staates zu verleihen: es gibt in England jetzt zwölf jüdische Lords und vier-