Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 12 (1909)
- Article
- Rückblick auf das Jahr 5668
- Date
- 1909-01-01
- Page
- 10 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3111067-3111090-3112689--3118-3112727- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
10 im April 1908 in Wien ein österreichisch - israelitischer Delegiertentag zusainmentrat, der eine engere Organisation des österreichischen Judentums beschloß und solche einem für den Herbst einzuberufenden Bundestage vorlegen wollte. Wir hoffen, daß diese Anregung nicht, wie leider so oft bei unseren österreichischen Glaubensgenossen, im Sande verläuft. Ein ähnliches Vorgehen wäre auch der dreifach gespaltenen Judenheit in Ungarn dringend anzuraten. Sie müßte, unbeschadet verschiedener Auffassung in einzelnen religiösen Fragen, alle Kräfte in vollkommener Einigkeit zusammenfassen, um dem immer drohender wider sie sich erhebenden Klerikalismus entgegen zu treten. Innerhalb der Koalition von Parteien, die augenblicklich Ungarn beherrscht, kommt das klerikale Element immer mehr in den Vordergrund, und gewinnt, mit zäher Folgerichtigkeit vordringend, das Uebergewicht. Die Ritualmordlüge macht sich an den verschiedensten Orten bemerkbar, und die Wahlkämpfe werden mit Vorliebe, selbst in der Landeshauptstadt, mit antisemitischen Waffen geführt, denen man doch einen großen Einfluß auf die Wählerschaft zuschreiben muß. Der Unterrichtsminister, Graf Apponyi, der sich außer Landes auf den großen internationalen Zusammenkünften als begeisterten Vorkämpfer aller Freiheiten gibt, betreibt daheim mit seinem als offener,,Antimosaist" — wie man in Ungarn sagt — bekannten Ministerialdirektor Baron Borköczy die Reinigung der höheren Schulen von jüdischen Lehrern; an den Universitäten wird kein ungeraufter Jude mehr Professor. Das ist eine schwerwiegende, zweifellose Tatsache, und sie beweist, in welcher Richtung die gegenwärtige ungarische Regierung orientiert ist. Die ungarischen Juden täten gut, solchem Treiben offen entgegen zu wirken, anstatt sich untereinander zu zerfleischen und höchstens sich zu einem sinnlosen speziell magyarischen Chauvinismus zusammen zu finden. Wenn sehr erfreulicher Weise in Frankreich der Antisemitismus sich in vollkommenem Niedergange befindet und einen offiziellen Einfluß garnicht mehr ausübt, so