Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 12 (1909)
- Article
- Rückblick auf das Jahr 5668
- Date
- 1909-01-01
- Page
- 9 (sequence 8)
- Language
- German
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9 und die Besonnenheit die Notwendigkeit gegenseitiger Duldung lehren? Jedenfalls hat der wüste Streit den Vorteil, die Aufmerksamkeit und die Leidenschaft von den Juden abzulenken-, stärkere und gefährlichere Gegensätze lösen den Antisemitismus ab. Wenn die Deutschen in Oesterreich nur eine Spur von politischem Verständnis besäßen, würden sie versuchen, sich der Sympathien der Juden zu vergewissern, die allerorten eine gleichsam angeborene Vorliebe für die deutsche Kultur besitzen. Sie würden damit durch Intelligenz, Besitz, Rührigkeit und, wenigstens in einigen Landesteilen, durch Zahl bedeutsame Bundesgenossen gewinnen. Allein sie tun alles, um die Juden abzustoßen und den ohnehin an Menge so überlegenen feindlichen Nationalitäten zuzutreiben. Das Deutschtum in Oesterreich hat auch hierdurch seinen unaufhaltsamen Niedergang reichlich verdient. Wer im erbitterten Kampfe sich freiwillig wirksamer Waffen beraubt, hat sich wegen der endlichen Niederlage nur selbst anzuklagen. Die deutschen Antisemiten in Oesterreich, genannt Christlich-Soziale, haben es durchgesetzt, daß zwei der Ihrigen Minister wurden, davon der eine — ein ehemaliger Lohnschreiber — Minister der öffentlichen Arbeiten! Durch solchen Erfolg ermutigt, brachte diese Partei im Reichsrat (Abgeordnetenhaus) den Antrag ein, nach russiischem Vorbilde die Zahl der jüdischen Schüler auf einen noch zu bestimmenden Prozentsatz herabzumindern. Glücklicherweise ist trotz der wüsten Agitation, die die Christlich-Sozialen betrieben, diese Kraftprobe nicht zu ihren Gunsten ausgefallen. Der Antrag wurde mit 206 gegen 162 Stimmen abgelehut. Aber bezeichnend bleibt es dennoch, daß ein Antrag, der nicht nur den elementarsten Forderungen der Gerechtigkeit und Humanität, sondern auch der beschworenen Verfassung entgegenlief, eine so bedeutende Minderheit fand, und daß "die Minister, die Abgeordnete sind, sich der Abstimmung enthielten! Sie wollten ihre antisemitischen Kollegen offenbar nicht verletzen. Solchen Vorgängen gegenüber ist es erfreulich, daß