Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 12 (1909)
- Article
- Rückblick auf das Jahr 5668
- Date
- 1909-01-01
- Page
- 6 (sequence 5)
- Language
- German
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— 6 — den Forderungen der jüdischen Gemeinschaft immer nur von dem letzteren die Rede, während man die Verwaltungslaufbahn kaum berührt. Und doch wäre es der Re-? gierung Hierviel leichterden verfassungsmäßigen Ansprüchen der Juden auf Gleichberechtigung Genüge zu tun, als bei den Offizieren, wo sie angeblich der freien Wahl durch das Ofstzierkorps machtlos gegenüber steht. Es würde wohl Aufgabe des Verbandes der deutschen Juden sein, gerade jener Sache einmal näher zu treten. Von der Ausschließung der Juden aus dem Offizierkorps war im Reichstage wiederholt die Rede. Das Kriegsministerium bleibt bei seiner stereotypen Antwort, daß es durchaus auf dem Boden des Gesetzes stehe, aber auf die Verwerfung der Juden bei den Wahlen keinen Einfluß besitze. Nun, darauf kann ja jetzt die Kraftprobe gemacht werden. Eine königliche Verordnung von Ende Juni 1908 hat es ausdrücklich vorgeschrieben, daß auf die Konfession des Aspiranten bei den Wahlen zum Offizier keine Rücksicht genommen werden solle. Ganz, vortrefflich, ganz verfasfungsgemäß. Aber trotz .dieses Befehles des höchsten . Kriegsherrn ist bisher noch kein Jude zum Reserve-, geschweige denn zum aktiven Offizier gewählt worden. Ja, ein Vierteljahr nach dem Erlaß der erwähnten Verordnung hat ein Oberst einem, jüdischen Vizefeldwebel, einen hochgebildeten jungen Mann aus angesehener Familie, den er selber als einen tadellos guten Soldaten bezeichnete, direkt von der Bewerbung zurückgewiesen, unter dem Vorwände, derselbe habe, den Beweis hinreichenden gesellschaftlichen Taktes nicht erbracht. Als ob der Aspirant, der sonst wirkliche Befähigung besaß, nicht das Gegenteil von guter Erziehung hätte betätigen müssen, um so schmählich ausgeschlossen zu werden. Wir sind neugierig, wie diese Dinge sich entwickeln werden; ob der höchste Kriegsherr auch auf militärischem Gebiete den Grundsatz: „Und der König absolut, wenn er unfern Willen tut", zulassen, oder seine oberste Kommandogewalt durchsetzen wird. Bei den Landtagswahlen, die im Juni stattfanden, trugen acht Juden, unter denen nur ein Sozialdemokrat,