Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 7 (1904)
- Article
- Est deus in nobis!
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 234 (sequence 46)
- Language
- German
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234 Wallung, wenn er der Grausamkeiten gedachte, die daheim im vornehmen, bigotten Byzanz unter dem Scheine der Gottesfurcht verübt wurden! Wie wurden sie hingeschlachtet, geblendet und verstümmelt, verjagt, vertrieben gleich Aussätzigen: auch Christen, wenn sie die Lehren des Christentums anders auffaßten, als der Kaiser es wollte! Und erst jene, die anderen Glaubens waren, welch bejammernswertes Los traf doch das Volk des Alten Bundes, jenes Volk, das zuerst den Glauben an Gott, die Liebe der Menschen unter einander gelehrt hatte, jenes Volk, in dessen wundersam ergreifende Geschichte er sich jetzt mit glühendem Eifer versenkte. Welch eine Standhaftigkeit, welche Gottesfurcht beseelte dieses Volk, das vertrieben aus seinem Lande, umherirren mußte in der Fremde, Heimat- und rechtlos — und doch sie murrten nicht, standhaft ertrugen sie die Verfolgungen ihrer Feinde, beugten ihren Nacken der grausamsten Unterjochung, und nichts war im stände, das reine Gottvertrauen aus ihren Herzen zu reißen! Und sonderbar, dieses arme geknechtete Volk, diese getretenen, verjagten Juden, sie haßten ihre Bedrücker nicht, sie sahen in ihnen nicht ihre Feinde, nein, nur arme, irregeleitete Menschen, und sie flehten zu ihrem Gotte, auf daß er ihnen vergebe und ihnen keine Sühne anferlege für das vergossene Blut. Wohl leuchteten auch in der Geschichte seines Volkes Gestalten auf, die als Opfer ihres Glaubens fielen und die ihre Mörder segneten — allein, was wollte das Beispiel einzelner bedeuten gegen ein ganzes Volk! Damals fielen wohl einzelne heldenhafte Christen ihrem Glauben zum Opfer, hier aber litt ein ganzes Volk! Und sein Herz krampfte sich zusammen in bitterem Weh, wenn er des jahrhundertelangen Martyriums dieses Volkes dachte, und eine glühende Bewunderung erfaßte ihn, wenn er an der Hand der heiligen Schrift den wunderbaren Wegen folgte, die Gott, der Herr, sein auserwähltes Volk leitete. Und immer tiefer, immer eingehender versenkte er sich in das Studium der heiligen Bücher und immer mehr erwachte in seinem Innern der heiße Wunsch, auch teilhaftig