Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 7 (1904)
- Article
- Est deus in nobis!
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 233 (sequence 45)
- Language
- German
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233 gezogen und seinen Verkehr mit den Brüdern nur auf das notwendigste beschränkt. Und nun gar, als er mit Cyrillos, der hier als einer der frömmsten galt, des öfteren Zwiesprache hielt, in der er seine zagende Seele ausschüttete und ein Echo zu finden hoffte in dem gläubigen Gemüte des heiligen Mannes, als er da nur kalte Berechnung, unfruchtbare, theologische Spekulation und haßerfüllte Leidenschaft gegen Andersgläubige entdeckte, da hatte er sich abgewandt, hatte die Einsamkeit gesucht und war auch hier oben ein Fremder geworden . . . Von diesem Zeitpunkte an, wo er nun ganz allein mit sich war, vertiefte er sich mit Muße in das Studium der heiligen Bücher. Mit den Büchern Mosis begann er, denn er wollte den Glauben werden sehen, hoffte, mit dem Verständnis der Entwicklung zur Klarheit zu kommen und immer begieriger las er weiter, immer eifriger nahm er die Gesetze Mosis, die erhabenen Lehren der Propheten in sich auf. Gleich dem frischen Quell, durch den der verschmachtende Wanderer zu neuer Kraft erfrischt wird, labte dieser heilige Born seine dürstende Seele. Eine neue Welt öffnete sich nun seinem staunenden Geiste, ein neues ungeahntes Wunder tat sich vor seiner Seele auf und stets aufs neue sich ins Studium der heiligen Schriften vertiefend, schöpfte er erneute Hoffnung — und fand den Glauben an die Menschheit wieder! Doch, wenn an sein Ohr neuerliche Kunde drang von der Grausamkeit der Menschen, da wallte sein Herz über und mit Abscheu wandte er sich ab von jenen, die so die Gebote der Nächstenliebe befolgten. „Ist es denn möglich," so fragte er sich oft, „glauben sie, ihrem Gotte dadurch zu dienen, daß sie ihre Mitmenschen mit Haß und Bosheit verfolgen, und befolgen sie so die Gebote des Heilands?" Bange Zweifel erfüllten seinen Geist: Zweifel an der göttlichen Botschaft, die den Menschen zum Heile gereichen sollte und die sie doch nur dazu verleitete, neue Greueltaten zu vollbringen, Zweifel an der Gottähnlichkeit der Menschen, die einander befehdeten und haßten, schlimmer als vernunftlose Tiere. Seine Pulse flogen und sein Hirn geriet in fieberhafte