Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 7 (1904)
- Article
- Est deus in nobis!
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 223 (sequence 35)
- Language
- German
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223 Hofe — auch dann würdest Du gewiß nicht zaudern und würdest Deinen mächtigen Arm den Unterdrückten leihen. So weiß ich denn meinen kleinen Schützling geborgen, weiß, daß Deine Hand jedes Leid verhüten wird, das der armen schutzlosen Waise noch widerfahren könnte, und kann nun leichteren Herzens von Dir Abschied nehmen. Zürne mir nicht, o Germanos, daß ich der Welt entfliehe, allein ich vermag nicht länger in einer Umgebung zu leben, die mit jedem Tage verworfener, mit jeder Stunde zuchtloser wird und die auf diesem Wege dem sicheren Untergänge entgegentaumelt. Ich vermags nicht länger mit anzusehen, wie das Recht geknechtet wird und die Unschuldigen leiden, — weshalb ich es bis nun ruhig mitangesehen? — ich lese die Frage auf Deinen Lippen — nein, ich war nicht gleichgiltig! Gleich Dir, mein erhabener Freund, wandte ich oft schaudernd den Blick von unseren Zuständen, gleich Dir, der Du Deine edle Entrüstung über manches nur mühsam zu unterdrücken im stände bist, kämpfte ich mit den widerstreitendsten Gefühlen in meiner Brust — ein unsagbarer Zauber hielt mich gefangen — Du kennst ihn, obzwar Du mit Deiner reinen Seele nie Gefahr laufen wirst, ihn gleich mir verderblich zu empfinden. Nun aber bin ich von diesem Zauberbanne Befreit, frage nicht, wie es geschah, sondern beglückwünsche Deinen Freund, der auf dem Wege zu seinem Herrn ist... . und der hofft, der irdischen Seligkeit und des himmlischen Friedens teilhaftig zu werden nach langem harten Kampfe! Ich scheide aus dieser Welt, allein in meiner Brust regt sich die Hoffnung auf ein besseres glücklicheres Los, auf die Versöhnung mit meinem Gotte, auf den herrlichsten Sieg über alle sündigen Gedanken und Wünsche! Zürne mir darum nicht, daß ich Hof, Heimat und Elternhaus verlasse, sondern gedenke in Freundschaft und Nachsicht Deines Photius." „An den Prinzen Germanos im kaiserlichen Schlosse" lautete die Aufschrift des Diptychons, das er dem Sklaven mit dem Aufträge übergab, es vor Sonnenuntergang des kommenden Tages nur in die Hände des kaiserlichen Prinzen, des edlen Germanos selbst, zu übergeben.