Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 7 (1904)
- Article
- Est deus in nobis!
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 222 (sequence 34)
- Language
- German
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222 er den Gedanken seiner Machtlosigkeit. Es tat ihm in der Seele weh, daß seine Macht hier zu Ende war und er für die Rettung des armen Kindes nichts zu tun im stände war. Und dennoch wäre es ein Gebot der Christenpflicht gewesen, das Kind der verderblichen Umgebung des Hofes zu entziehen und sie heimzubringen in das Haus ihrer Pflegceltern, wonach sie so heiß begehrte. Wohl waren es Juden, zu denen sie zurückbegehrte. Hieße dies ein dem Heiland gottgefälliges Werk vollbringen, wenn er seine Hand dazu böte, ein verirrtes christliches Lamm in ein armseliges Judenhaus zu bringen? Aber das verirrte christliche Lamm im Schutze einer Theodora zu lassen, ist das vielleicht eine gottgefällige Tat? Was würde ihr Los sein, wenn sie heranwüchse, ihre aufblühende Schönheit würde Wohl bald all den feinen Hofherren ins Auge fallen und dann wehe dem armen Kinde! — Nein, da wäre es doch ratsamer, sie in das Judenhaus zurückbringen zu lassen, da wäre sie doch geborgen und der Gefahr entrückt. Und er spannte all sein Denken an, um zu einem Entschlüsse zu gelangen, wie die Flucht des Mädchens aus dem kaiserlichen Palaste zu bewerkstelligen wäre. Da erschien seinem Geiste plötzlich ein rettender Gedanke. „Ja, ja, Germanos! Wie konnte ich auch nur an Dich vergessen und auch nur einen kurzen Augenblick im Zweifel sein, wem ich die Rettung des verlassenen Mädchens überlassen könnte." Und rasch hatte er sich von seinem Lager erhoben und aus einem elfenbeinfarbenen Tischchen, das in der Nähe seines Bettes stand und auf dem mit mildem Lichte eine Oellampe brannte, ein Wachstäfelchen nehmend, begann er zu schreiben; in warmen eindringlichen Worten legte er dem Freunde seine Bitte ans Herz, beschwor ihn um der Freundschaft willen, die sie beide seit den Tagen der Kindheit mit einander verband, ihm diesen Freundschaftsdienst zu erweisen. „Und selbst wenn ich Deinem Herzen fremd wäre, o edler Germanos, und ein anderer käme zu Dir und flehte Dich an: rette dieses Kind vor dem drohenden Untergange — denn ein solcher ist sicherlich. Du weißt es, das Leben am