Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 7 (1904)
- Article
- Est deus in nobis!
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 221 (sequence 33)
- Language
- German
- Belongs to
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221 Wirre Bilder zogen vor seine Seele und im bunten Reigen tauchten vor seinem Inneren die Ereignisse der letzten Zeit auf. Da sah er sich wieder, als er noch in glücklichem Seelenfrieden zu den Füßen seiner Lehrer in Berytos ruhte, voll Andacht ihren weisen Worten lauschend, mit ganzer Seele ausgehend in ihren Lehren — dann kam jener Tag, an dem von seinem Vater, der in den Kampf zog, seine Heimkehr gewünscht wurde. Und er sah sich in Byzanz, sah sein Staunen, seine naive Bewunderung der prächtigen Stadt und des ganzen großstädtischen Lebens, das sich da vereinigte und seine Augen blendete mit ungewohntem Glanze — und nun kam jener Abend, an dem er zum blinden Sklaven der Kaiserin wurde, nur Aug' und Sinn hatte für ihre verführerische Schönheit- und mit erschreckender Klarheit gedachte er des heutigen Abends, an dem es vor seinem verblendeten Gehirn so gräßlich tagte, und das Bild der verworfenen Frau erschien ihm wieder, wie sie ihn gehöhnt und seinen reinen Glauben verlacht hatte — da plötzlich zuckte ein Gedanke durch seinen Kopf und er riß sich gewaltsam los von dem ihn umgaukelnden Bilde. Was war es, das seine Gedanken noch festhielt bei der Erinnerung an diesen Abend? Wie einen lästigen Traum hatte er alles von sich geschüttelt, was ihn daran gemahnen sollte, und doch schien es ihm, als hielte ihn noch etwas zurück, als hätte er noch ein Versprechen zu erfüllen. . . . Irene, das kleine Mädchen, ja, jetzt wußte er es, und seine Gedanken eilten zu dem Augenblicke zurück, der seiner Begegnung mit der Kaiserin vorangegangen war und wo ihn das kleine Mädchen mit den rührenden Geberden und traumvollen Kinderaugen um Rettung angefleht hatte .... um Rat, wie sie aus dem kaiserlichen Palaste entkommen könne; . . . und hatte er ihr nicht sein Wort gegeben? Nein, nein, wie konnte er auch? War er ja selbst machtlos der Kaiserin gegenüber, — galt es ja für ihn, sich selbst zu retten, ihre gefährliche Nähe zu meiden. Und doch, je mehr er der rührenden Bitte dachte, mit der das Mädchen ihn bestürmt, desto schmerzlicher empfand