Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 7 (1904)
- Article
- Est deus in nobis!
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 216 (sequence 28)
- Language
- German
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216 Er hatte es noch nicht gelernt, seine Empfindungen unter der Hülle gleichgiltiger Oberflächlichkeit zu verbergen, sein Inneres lag klar zu Tage und er verstand es nicht, seine Gefühle zu bemeistern, seinen Groll zu unterdrücken. Es war erst kurze Zeit, seit er von den Studien heimgekehrt. Den Geist erfüllt von erhabenen Problemen, die Seele dürstend nach reinem freudigen Genüsse — so war er an den Hof gekommen, mitten in die zucht- und sittenlose Gesellschaft der kaiserlichen Residenz; voll jugendlicher Lebenslust war er anfangs dem Treiben seiner Altersgenossen gefolgt, hatte für eine Weile teilgenommen an ihren wüsten Gelagen, an ihren tollen Symposien, doch es wurde ihm bald zuviel: sein gesundes Denken, sein durch den Umgang mit erhabenen Lehrern geläutertes Empfinden ließ ihn nicht froh werden in der Atmosphäre des Lasters und der wüsten Zuchtlosigkeit, er sehnte sich nach Einsamkeit, er suchte Rückkehr zu seinem besseren Selbst — und fand die Kaiserin. Und seit jenem Abend, an dem mit der Bewunderung ihres kühnen Mutes zugleich die Liebe für sie in sein Herz zog, lag er in den Zauberbanden der verführerischen Fürstin. Und daß diese Bande sich nicht allzu rasch lockern sollten, dafür sorgten schon die Liebeskünste der erfahrenen Theodora und nicht zuletzt auch der verderbliche Einfluß seiner Mutter. Nun aber hatten sie sich doch gelöst — wie ein greller Blitzstrahl, der plötzlich mitten in die tiefe Finsternis hineinleuchtet, so hatte ihn die furchtbare Entdeckung getroffen, hatte sein innerstes Empfinden aufgewühlt und sein in der Sünde erschlafftes Denken wachgerüttelt. Wohin war er geraten? Welche Straße führte ihn der Weg, den er eingeschlagen, als er zum Sklaven jener liebestollen Kaiserin herabsank? Erfüllte er so die Hoffnungen, die seine Lehrer in ihn gesetzt, befolgte er so die Gebote der Weisen und war sein Vorgehen eines wahren Christen würdig? Christen! Waren sie denn nicht alle Christen und beteten und bekreuzigten sich und häuften doch Greuel auf Greuel? Wo war da ihr christliches Gemüt, wenn sie einander um des schnödesten Vorteils willen bekämpften — wo blieb die Lehre von der Liebe zu dem Nächsten und der Vergebung für die Feinde.