Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 7 (1904)
- Article
- Est deus in nobis!
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 217 (sequence 29)
- Language
- German
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217 Und sie, die feile, leichtfertige Theodora, war sie denn nicht auch eine gläubige Christin nach außen hin? Betete sie nicht und fastete und bekreuzigte sich und baute Kirchen an allen Ecken und Enden, und dennoch hatte sie fein heiligstes Empfinden in den Schmutz gezerrt, feinen reinen Menschenglauben vernichtet! Und jener Schwächling auf dem Throne, der Kaiser, dessen Regierung nichts war denn Heuchelei und Betrug, der die Menschen niarterte und tausende abschlachten ließ, bloß um des schnöden Vorteils willen. Und doch galt auch der Kaiser als ein gläubiger Christ! Und er hatte geglaubt, hatte an all die Heuchelei und den Betrug geglaubt, hatte sein Ohr verschlossen, wenn die Kunde von neuerlichen Greueltaten des Kaiserpaares in die Öffentlichkeit drang, war blind gewesen im Angesichte solcher Frevel, hatte nur feiner sündhaften Liebe gelebt und seinen Sinn von allem Edlen und Guten abgewendet. Immer rascher war er gegangen, immer weiter entfernte er sich von dem kaiserlichen Palaste, durch menschenleere Gassen war er geirrt und große Plätze mit riesigen Denkfaulen hatte er durcheilt — immer weiter, sein Kopf brannte, seine Pulse flogen, der Nachtwind peitschte ihm die wirren Haare ins Gesicht, die Füße versagten ihm den Dienst, es schmerzten ihn die brennenden Augen, doch fort, immer weiter von jenem entsetzlichen Weibe, das ihn genarrt, und an das er geglaubt hatte wie an seinen Gott! Seinen Gott! Jawohl und sie hatte seiner gespottet und ihn verlacht gleich seiner Mutter. Ja glich denn diese nicht auch jenem lasterhaften Weibe, war nicht auch sie gleichfalls eine gläubige Christin, eine demütige Dienerin der Kirche und beschimpfte dennoch den guten Namen seines tapferen Vaters, der weit in Afrika im Felde lag und sein Leben aufs Spiel setzte für die Größe eines Justinian? O, er hatte sein Auge verschlossen, hatte gekämpft und mit sich gerungen, um in der Mutter nicht auch diejenige verachten zu müssen, deren verderblichem Einflüsse er fast unterlegen war. Ja, und auch sie war eine Christin! „O Du mein göttlicher Heiland, weshalb entzogst Du mir den blinden Glauben, warum mußte ich sehend werden?"