Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 7 (1904)
- Article
- Est deus in nobis!
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 206 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3111067-3111080-3112433--1940-3112650- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
206 niemand. Jetzt näherte sich jemand dem an der Schwelle des Hauses kauernden kleinen Geschöpfe. Es war Chaskiel, der Jude, der aufmerksam geworden durch den Lärm und die Hilferufe des Kindes eiligst hinzukam. Tiefes Mitleid erfaßte sein Herz bei dem Anblicke, der sich ihm bot. Wohl waren es Christen, die hier litten, und Christen waren auch jene, die in wilder Raserei ihren Glaubensgenossen töteten, — allein sein frommes Gemüt zauderte nicht und dem Drange seiner gläubigen Seele folgend, in der mit Flammenschrift verzeichnet war: „Liebe Deinen Nächsten und vergib Deinem Feinde" beschloß er sich des armen kleinen Mädchens anzunehmen. „Komm," hatte er damals zu ihr geredet, „Du sollst Vater und Mutter finden bei uns, komm, ich bringe Dich heim zu Judith, meinem Weibe und zu ihrer Mutter, sie werden Dich pflegen und kleiden, nicht, als wärest Du eine Andersgläubige, nein, als wärest Du eine Tochter aus dem Stamme Israels." Da hatte es freudig aufgezuckt in den fahlen Zügen der Kranken. Gott Lob! Nun konnte sie von hinnen gehen, sie wußte ihr Kind, ihre geliebte Irene, geborgen — sie kannte ja die strenge Rechtlichkeit und den edlen Sinn des Juden Chaskiel und wußte, daß sein Herz von gleicher Liebe zu allen Menschen erfüllt war. Mit einem friedlichen Lächeln auf den Lippen war die Mutter dann entschlafen, sie aber, Irene, war dem Juden gefolgt in sein Haus und zu seiner Gattin Judith und hatte an ihnen Vater und Mutter wieder gefunden; allein auch sie hatten das kluge zehnjährige Mädchen liebgewonnen und es behütet, als wäre es ihr eigenes Kind und dann, als vor einem Jahre Chaskiel durch die Gewissenlosigkeit eines byzantinischen Kaufmannes um sein ganzes Hab und Gut gekommen, selbst dann war ihnen das kleine Mädchen nicht zu viel geworden, obwohl Chaskiel sich nun genötigt sah, seine Familie durch Auslegung der Schrift und durch Unterricht in der Bibel zu erhalten. Zuletzt war es wohl recht ärmlich zugegangen in dem kleinen Hause draußen am Erzmarkt, und gar oft hatte die Not mit grausem Finger an die Türe gepocht, allein nichts.