Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 7 (1904)
- Article
- Est deus in nobis!
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 205 (sequence 17)
- Language
- German
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205 vergebens an Theodoras gutes Herz gepocht haben — ich gestatte Dir Deine Bitte, bringe mir den sangen Photius und — wir wollen ihn lehren, was das Leben heißt." IV. Die Tage, die Irene, das Pflegekind des Juden Chaskiel, im kaiserlichen Palaste verlebte, waren wohl die wechselvollsten in dem bis nun so stillen Dasein des halbwüchsigen Mädchens. Glichen die Tage im Hause ihrer jüdischen Pflegeeltern einem ruhigen Strome, so ging ihr jetziges Leben im Sturmschritt dahin. Seit sie an jenem Unglücksabend, der ihr so leicht hätte verhängnisvoll werden können, an der Seite der kaiserlichen Kammerfrau den Palast betreten hatte, gehörte sie sich selbst nicht mehr an. Wie oft hatte sie in der kleinen Stube ihrer Pflegeeltern stundenlange vor sich hingesonnen, ohne daß sie von irgend jemand gestört wurde, wie oft hatte sie, entgegen jeder Kinderart, die Einsamkeit gesucht, in der sie ihren Gedanken nachhängen konnte. Traumhafte Bilder aus ihrer frühesten Kindheit zogen dann vor ihr inneres Auge: sie sah die Mutter auf dem Schmerzenslager, sah den Vater im räuberischen Ueberfall von einem wütenden Pöbelhaufen ermordet und vor ihrer Seele erschien mit erschreckender Klarheit jener Augenblick, da ihre sterbenskranke Mutter, das gräßliche Ende des Gatten vor Augen, hoffnungslos darniederlag; noch jetzt, nachdem ein Zeitraum von mehreren Jahren sie von diesem grauenvollen Tage trennte, sah sie deutlich den Blick voll tiefer Herzensangst, mit dem die Kranke sie umfaßte, in ihren fahlen Zügen malte sich gräßliche Angst um das Kind, das eltern- und schutzlos in einer Welt Zurückbleiben sollte, die in ihrer selbstsüchtigen Härte und kalten Grausamkeit der Stärksten nicht schonte, geschweige denn des armen, hilflosen Kindes. Da hatte sich dem wüsten, durch Trunk und Spiel zur Raserei aufgestachelten Pöbelhaufen, der an jenem Tage plündernd und wo er Gegenwehr traf, mordend die Stadt durchzog, eine Anzahl Bewaffneter entgegengestellt, hatte das Raub- und Mordgesindel gefaßt und vor das Gericht geführt. Aber des armen, schutzlosen Kindes achtete