Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 7 (1904)
- Article
- Est deus in nobis!
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 202 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3111067-3111080-3112433--1936-3112646- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
202 Die Senatoren und all die vornehmen Gäste bestiegen ihre Sänften, um sich in die Bäder des Zeuxichyos zu begeben, andere wieder ließen sich von schnellen Rossen hinausführen zu einer Spazierfahrt ins Freie. Und schweren Herzens und gesenkten Hauptes endlich verließen auch jene den kaiserlichen Palast, die gekommen waren, um Gnade zu erflehen und für die es nun galt, einen Tag länger in bebender Angst zu harren. Raschen Schrittes hatte die Dame, deren Erscheinen mit einem male alle Hoffnungen für heute zerstört hatte, die weiten Hallen und marmorbedeckten Säle durcheilt, bis sie jetzt an einer vergoldeten, mit Purpurvorhängen behangenen Türe Halt machte. Da verschwand auch mit Blitzesschnelle der hochmütige Ausdruck ihrer Züge, ein süßliches Lächeln erschien auf ihren blutrot gefärbten, welken Lippen und in den braunen, in sinnlichem Feuer glühenden Augen glimmte ein Funke erloschener und entschwundener Jugend auf, als sie sich jetzt dem Gemache der Fürstin näherte. Theodora hatte gerade jetzt ihr Bad verlassen, in dem sie stets mehrere Stunden zu verweilen liebte. Und nun ruhte sie auf der reichvergoldeten, mit kostbaren Stoffen bedeckten Ottomane und, ein freudiges Lächeln auf den Lippen, begrüßte sie die Eingetretene. „Nun wird mir die Ruhe doppelt wohltun," rief sie, indem sie der Besucherin die Hand zum Kusse bot, „wenn ich sie in Deiner Gesellschaft genieße, Antonina. Und nun setz Dich hierher, meine Liebe, und erzähle mir, was es neues und erzählenswertes gibt in der Stadt," fügte sie lachend hinzu. „Meine gnädige Kaiserin weiß also das neueste noch nicht?" „Nein, nein! Schnell!- Laß' es mich hören!" „Ach, und doch weiß es die ganze Stadt, der ganze Hof, die ganze Welt . . . ." „Rasch! Ich vergehe vor Neugier," rief die Kaiserin. „Nun, das allerneueste und das, was auch alle längst bereits wissen,. ist, daß meine hohe Herrin das schönste Weib unter der Sonne und die mächtigste Kaiserin der Erde ist!"