Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 7 (1904)
- Article
- Est deus in nobis!
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 201 (sequence 13)
- Language
- German
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201 Wohl eilte jetzt die Kammerfrau der Kaiserin durch den Raum, rücksichtslos die zunächst stehenden bei Seite schiebend, allein es galt nicht den Eintritt in das kaiserliche Gemach für die Wartenden frei zu geben, sondern für eine vornehme Dame, die jetzt, gefolgt von ihren Dienerinnen, eingetreten war und sich geradewegs in die Gemächer der Kaiserin begab. Mit hochmütigem Neigen dankte sie der ehrfurchtsvollen Begrüßung der Audienzwerber, dann glitt ihr Blick wie suchend durch die Reihen hin, um sich mit der Miene der Enttäuschung geringschätzig von den Anwesenden abzuwenden. Unwillig folgten die Blicke aller der stolz vorbeirauscheuden Gestalt und ein Gefühl namenloser Erbitterung ergriff so manches Gemüt bei dem Gedanken, daß es für heute wieder vorbei sei mit der Audienz, daß das lange, bange Warten wieder einmal vergebens gewesen, während die Anderen, die blos gekommen waren, um der Etikette Genüge zu leisten, im Innersten ihres Herzens froh waren, für heute wieder einmal des lästigen Zwanges ledig zu sein, vor der hochmütigen Kaiserin niedersinken und die Schleppe ihres Gewandes küssen zu müssen. Allein noch hatte sich die Halle nicht geleert, noch immer verharrten, den Blick in gespannter Erwartung auf das allerheiligste Gemach gerichtet, in das sie einzutreten gehofft, eine große Anzahl von Bittstellern. Jetzt aber wurde die mit bronzenen Zierraten geschmückte innere Türe geöffnet und rasch die beiden Räume durchschreitend, die mit dreifachen bronzenen Türen den Raun: von dem Gemache der Kaiserin trennten, trat eine Hofdame derselben heraus. Einen flüchtigen Blick auf die Wartenden werfend, hatte sie bemerkt, daß die vornehmen Besucher es vorgezogen hatten, sich früher zu entfernen, ehe ein Befehl aus den kaiserlichen Gemächern gesandt wurde, — und die Wartenden? Mit geringschätziger Miene maß sie die stark gelichteten Reihen, dann sagte sie mit hochmütigem Tone: „Die allergnädigste Kaiserin ruht soeben vom Bade aus, die Sonne ihres Anblickes wird Euch heute nicht zuteil werden, ihr könnt den Palast verlassen." Rasch hatte sich der Saal geleert und draußen, vor dem Palaste, herrschte jetzt reges Leben.