Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 7 (1904)
- Article
- Est deus in nobis!
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 197 (sequence 9)
- Language
- German
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197 Der würdige Rabbi merkte die Veränderung wohl, die in dem sonst so ruhigen Wesen dos frommen Mannes lag, allein er wollte nicht in ihn dringen und schritt ruhig an seiner Seite der Synagoge zu. Während nun die Männer im Gotteshause in feierlicher Weise den Einzug des Passah begrüßten, trafen die Frauen und Mädchen im Hause die Vorbereitungen zum Seder. Schon prangte das blütenweiße Tuch auf den mit zahlreichen Kelchen und Tellern geschmückten Tisch und vor dem Platze des Hausherrn stand die große, mit goldgestickter Decke verhüllte Schüssel, auf der das ungesäuerte Brot sich befand und die süße und bittere Passahspeise. Auch im Hause Chaskiels, des Schriftgelehrten, bedeckte schneeweißes Linnen den Tisch und die Öllampe verbreitete wohliges Licht in der Stube. Trotz der äußeren Ruhe jedoch befanden sich die beiden Frauen, die Gattin Chaskiels und ihre hochbetagte Mutter in einem Zustande sorgenvoller Erregung. Bekümmert blickte die Greisin ihrer ab und zu eilenden Tochter nach, die es nicht litt an einer Stelle und die unruhig durch das Zimmer schritt. „Gönne Dir doch ein bischen Ruhe, meine Tochter, und erwarte in Geduld die Ankunft des Kindes . . . ." „O, Mutter, wie kannst Du von Geduld sprechen, während ich doch sehe, daß auch Deine Hände vor innerer Erregung zittern . . . ." „Meine Hände zittern von der Last der Jahre," unterbrach sie kopfschüttelnd die Greisin, „achtzig und viermal haben meine Augen den Seder gesehen, ich habe das ungesäuerte Brot gegessen, als ich noch daheim war im Hause meiner guten Eltern und das Herz klopfte mir vor freudiger Angst, als sich einst an einem Passahabend die Türe öffnete und mein Vater ans der Synagoge heimkam und mit ihm ein Fremder, Dein guter Vater — Jahre und Jahre habe ich an seiner Seite die Hagada gelesen, bis ihn der Allmächtige zu sich gerufen, allein stets brachte das heilige Passahfest Glück und Frohsinn in unser Herz, bis jetzt, am Ende meiner Tage, wo es uns nicht erlaubt wird, unser hohes Fest zu feiern an dem dafür von Gott und Moses ein-