Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 7 (1904)
- Article
- Est deus in nobis!
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 195 (sequence 7)
- Language
- German
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195 selten der Schritt eines Vornehmen, es sei denn, daß seine Schätze wieder einmal dem Kaiser ins Auge gestochen und dieser ihn rasch davon befreit hatte. Dann suchte wohl hie und da einer der Ausgeplünderten die Judenstadt auf, die er sonst im verächtlichen Stolze gemieden hatte, um Hilfe zu suchen bei einem der mißachteten Juden. Und diese, die in tiefer Bedrückung lebten und von ihrem allmächtigen Gotte Befreiung erflehten aus der Knechtschaft, sie vergaßen der Unbill, die ihnen sonst von den hochmütigen Senatoren und den hartherzigen kaiserlichen Beamten zu teil wurde und halfen mit ihren geringen Mitteln, borgten ihr letztes Hab und Gut, auf daß der vornehme Herr, den die Not in das verachtete Judenhaus geführt hatte, sein wüstes Lotterleben aufs neue beginnen könne. Heute aber war ein Besuch aus dem vornehmen Viertel der Stadt wohl nicht zu befürchten und ungehindert dursten sie es wagen, die Vorbereitungen zu treffen, nach denen sie sich mit ganzem Herzen sehnten. Heute gabs wieder einmal Spiele und Tierkämpfe im Zirkus, syrische Gaukler waren angekommen, die seltensten wilden Bestien sollten vorgeführt und die kühnsten Schaustellungen geboten werden. Freudig wurde dieses Ereignis begrüßt, von Volk und Adel, für die derartige Aufführungen stets den höchsten Genuß bedeuteten, bei dem sie alle Unbill und alles Ungemach vergaßen, dem sie sonst ausgesetzt waren. Hier, in der Jüdenstadt, merkte man wohl nichts von der festlichen Vorstellung, den Bewohnern dieser engen winkeligen Gäßchen mochte es ganz gleichgiltig sein, womit sich ihre Unterdrücker die Zeit vertrieben, die Zeit, die ihnen Völlerei und Unzucht noch übrig ließen. Und dennoch herrschte auch in dem engen Judenviertel heute eine seltsame Bewegung. Und gar jetzt, als es Abend wurde, da belebten sich mit einem Schlage die sonst so stillen menschenleeren Gassen. Vereinzelt und mit scheuen Blicken auslugend verließen sie ihre engen düsteren Wohnungen, allein es galt heute nicht wie sonst, dem Erwerb nachzugehen, um dann ermüdet und wund gehetzt von tausend Demütigungen ihr Heim aufzusuchen — nein, in festliche Gewänder waren sie 13*