Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 7 (1904)
- Article
- Est deus in nobis!
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 194 (sequence 6)
- Language
- German
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194 — beweisen, daß ich auch wildere Bestien, als sie es sind, unterjochen kann und das eine Tat, die niemand wagte, Theodora allein wagen darf." „Und Dein Herz, allergnädigste Frau, fühlte Mitleid und erbarmte sich unter all den Tausenden des armen Kindes, das — ich hört' es eben, als ich kam, in Todesgefahr schwebte . . . Ein spöttisches Lächeln umspielte die vollen Lippen der Kaiserin, dann aber erhob sie den Kopf und einen Blick in das in edler Begeisterung erglühende Antlitz des Jünglings werfend, warf sie leichten Tones hin: „Nun ja, mein edler Photius, ich hatte Mitleid mit dem Kinde — ist meine Tat nun besser?" „Besser, allergnädigste Frau!" rief im Tone edler Aufwallung der junge Mann, „die Tat ist bewunderungswürdig, nein, sie ist göttlich und . . . „Und Du, mein Schwärmer Photius," unterbrach ihn lachend die Kaiserin, „Du bist ein arger Schmeichler!" Und mit gnädigem Lächeln reichte sie dem sich demütig zur Erde neigenden Jüngling ihre Hand zum Kusse hin. Minutenlange hafteten ihre Augen an den in holder Reinheit prangenden Zügen des jungen Mannes: „Du kehrtest jüngst erst von der Hochschule in Berytos wieder; nun, ich hoffe, Dein Umgang mit den Gelehrten wird Dich uns nicht ganz entfremdet haben und ich wünsche. Dich bald bei Hofe zu begrüßen." Ein kurzes heißes Aufleuchten in den verführerisch schönen Augen der Kaiserin, ein Rauschen und Knistern der langen, seidenen Gewänder, leises harmonisches Klingen der goldenen Geschmeide und die glanzvolle Erscheinung war entschwunden. II. Am äußersten Ende der Stadt, dort, wo von all den prächtigen Bauten, die der Kaiser Justinian aufführen ließ, nichts mehr zu sehen war, dort lagen vereinzelt, aber dennoch auf einen umgrenzten Platz beschränkt, die von Juden bewohnten Häuser. Hierher, auf den sogenannten Erzmarkt, verirrte sich