Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 7 (1904)
- Article
- Est deus in nobis!
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 192 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3111067-3111080-3112433--1926-3112636- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
192 zurückscheute, ihren Namen in den Staub zu ziehen und in ihr diejenige zu schmähen, die widerrechtlich ihre Hand nach der Krone ausgestreckt hatte — als ob das Recht zu herrschen ein ererbtes und verbrieftes sein müßte und es nicht genügte, schön zu sein, um dadurch die Herzen aller zu beherrschen! Einen Moment verharrte die Kaiserin in tiefes Sinnen versunken, dann senkte sie den Blick zur Erde hin, wo noch halb besinnungslos das geängstigte kleine Mädchen hingesunken lag. Mit mitleidigem Lächeln streifte sie die zusammengekrümmte kleine Gestalt in dem dürftigen unscheinbaren Gewände, dann wandte sie sich an die mittlerweile hinzugeeilten Hofdamen: „Das arme kleine Ding wird wohl an diesem Zirkusbesuch schwer zu leiden haben; es mag der erste gewesen sein, sie scheint armer Leute Kind zu sein." „Man wird ihr ein Almosen geben . . . „Nein!" unterbrach die Kaiserin die Sprechende, „man bringe sie in den Palast, labe und warte sie, bis sich ihre Angehörigen melden,' sie abzuholen." „Findet es die gnädigste Herrin nicht absonderlich, daß das Kind allein im Zirkus gewesen ist?" fragte eine der Frauen aus der Begleitung der Kaiserin. Diese hatte sich zu der Regungslosen niedergebeugt, die jetzt ihre fragenden Kinderaugen mit ängstlichem Ausdruck öffnete, um sie dann bewundernd an der Gestalt der Fürstin hasten zu lassen. „Du bist schön, o, so schön bist Du, und ich Hab' Dich lieb . . . ." Ein herzliches Lachen entrang sich den Lippen Theodoras über dies naive Geständnis aus Kindermund. „Erhebe Dich, Kleine," sagte sie, „nun ist der böse Bär schon wieder eingesperrt und kann Dir nicht mehr wehe tun." Ein ängstlicher Schauer rüttelte den Körper des kleinen Mädchens bei der Erinnerung an das grause Tier, dessen glühenden Atem es noch zu empfinden glaubte. „Jetzt sag mir aber, wieso es kommt, daß Du allein in den Zirkus gingst? Hast Du keinen Menschen, der mit Dir ginge?" „Mir lebt nicht Vater noch Mutter," antwortete seufzend die Kleine, „ich bin bei guten Leuten zu Hause, . . . ."