Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 7 (1904)
- Article
- David Honigmanns Aufzeichnungen aus seinen Studienjahren (1841/5)
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 171 (sequence 39)
- Language
- German
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171 Berlin war von jeher und ist noch jetzt der klassische, Boden für die Pflege der höheren gesellschaftlichen Beziehungen innerhalb bevorzugter und gebildeter Familienkreise. Der sogenannte „Salon" der in Frankreich sich seit dem anoikn regime, den Encyclopädisten und der ersten Revolution, durch alle Stürme der Zeit als eine auf die allgemeinen Verhältnisse influierende sozialpolitische Macht entwickelt hat, fand in Deutschland nirgends so sehr als in Berlin sein vollkommenes Gegenbild, wenn auch früher nur in der Beschränkung auf das litterarisch-ästhetische Gebiet. Mit der größten Leichtigkeit erlangte da ein gebildeter und strebsamer junger Mann Zutritt in guten Familien, und in die von diesen meistens veranstalteten zwanglosen Versammlungen von Männern und Frauen an bestimmten Wochentagen, wobei man keinen andern Zweck hatte, als gesellige Konversation, Austausch von Gedanken über öffentliche Ereignisse und Erscheinungen der Litteratur und Kunst. Fast niemals fehlte es in solchen Zirkeln an irgend einer namhaften Kapazität der Wissenschaft, der Presse oder der ausübenden Kunst, durch deren Medium auch die bescheidenen Existenzen in der weiten Peripherie des öffentlichen Lebens gleichsam in einem engern Kontakt mit dem bewegenden Mittelpunkte versetzt wurden. Da es bei diesen Zusammenkünften weder von Seiten der Wirte noch der Gäste auf eine splendide Aufnahme und sonstige äußerliche Reizmittel des geselligen Verkehrs, wie sie anderswo leider zum Schaden desselben an der Tagesordnung sind, sondern nur auf geistreiche Unterhaltung abgesehen war, so waren sie in der Tat frei von jenem materialistischen Beigeschmack, der der Entwickelung einer edlen Geselligkeit so überaus hinderlich ist. Andererseits wurde es hierdurch auch minder bemittelten Familien möglich gemacht, ohne erheblichen Aufwand sich den geistigen Luxus einer guten Gesellschaft zu verschaffen, wenn sie selbst nur einen genügenden Fonds in sich trugen, um den Einsatz bei dem zu eröffnenden Geistesspiel zu bestreiten. So fand ich denn auch vielfache Gelegenheit, ohne gerade in höhere Gesellschaftssphären vorzudringen, manchen schönen Abend in guten Familienzirkeln zuzubringen, interessante Bekanntschaften zu kultivieren und meines Teils auch zur gemeinschaftlichen Ergötzung bei Lesekränzchen, Fest-