Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 7 (1904)
- Article
- David Honigmanns Aufzeichnungen aus seinen Studienjahren (1841/5)
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 161 (sequence 29)
- Language
- German
- Belongs to
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161 Höhen emporspähend, nach einem befreundeten Leitstern als tröstlichem Begleiter für den einsamen Wanderer auf unbekannten Pfaden. II. Aufenthalt in Berlin. Studien, literarische Tätigkeit, gesellschaftliche Beziehungen (Zunz, Bernstein, Stern, Simion, Berthold Auerbach). Reformgenossenschaftliche Anfänge. Ausflug nach Leipzig (Kühne, Kuranda, Hartmann, I. Kaufmann). Von meiner Ankunft in Berlin im November 1843, wohin mich von Frankfurt an der Oder aus bereits die kürzlich eröffnete Eisenbahn brachte, ist mir nur noch der gewaltige Eindruck der ersten Ansicht des alten Königsschlosses von der Kurfürstenbrücke aus, mit seinen großartigen Umgebungen im sogenannten Lustgarten klar erinnerlich. Ich weiß noch, daß mir das Herz schwoll bei dem unerwarteten Anblick dieser kolossalen und doch einfachen Verhältnisse, und daß mir eine Empfindung von Größe nahe trat, ähnlich derjenigen, die mich fast noch mächtiger überwältigte, als ich Ipäter zum ersten Mal dem Rheinstrom bei Mainz gegenüberstand. Dann hatte wieder das Wogen und Rauschen einer regsamen Bevölkerung in den ungeheuren Straßen etwas Niederdrückendes für mich. Das Verlorensein in solcher Menge, in der ich keine vertraute Seele, kein Plätzchen an einem traulichen Herde mein nennen durfte, regte das wunde mit keinen! Seelenschmerze zu vergleichende Gefühl des Heimwehs, der Sehnsucht nach dem „verlorenen Paradiese" in einer nicht geahnten Stärke in mir auf. Es dauerte viele Tage, ehe ich diese Krankheit in mir bemeistern konnte. Zum Glück fand sich auch rasch genug das einzige Mittel, das in solchem Zustande hilft — die Vertiefung in geistige Arbeit. Denn kaum hatte ich mich bei der juristischen Fakultät einschreiben lassen, so rückte mein padrone mit seinen literarischen Aufträgen für mich heraus, da sich natürlich jeder'Tag, für den ich besoldet wurde, durch Arbeit bezahlt machen mußte. Ich sollte nun aber allsogleich bei dem ‘ 11