Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 7 (1904)
- Article
- David Honigmanns Aufzeichnungen aus seinen Studienjahren (1841/5)
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 160 (sequence 28)
- Language
- German
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160 mich ausübte, und eine geregelte litterarische Tätigkeit ganz nach meinem Geschmacke warendlich weil wir alle auch in Bezug auf die Aussichten für die Zukunft, den, wie es hieß zu den Vertrauten des Staatsministers Grafen Arnim- Boitzenburg*) gehörenden, Freund als ein unfehlbares Orakel hielten. Mit Freuden schlug ich ein, verschaffte mir ohne Mühen die Zustimmung meiner Eltern — die ich nur über die eine Sorge zu beruhigen hatte, daß der Uebertritt zu den juristischen Studien nicht den Abfall von dem väterlichen Glauben zum Zwecke des Eintritts in den Staatsdienst zur Folge haben werde — und riß mich los von manchen innigen und teuergewordenen Beziehungen an eine Stadt, in der ich mich, nach achtjährigem Aufenthalt, wie in einer zweiten, geistigen Heimat fühlte. Neue Hoffnungen trieben wie ein frischer Meereshauch die Segel meines Lebensschiffleins vorwärts nach einem vielverheißenden Boden, wo ich für Jahre festen Anker werfen, vielleicht gar für meine ganze Zukunft eine neue dauernde Heimstätte begründen sollte. Wie aus Schatten der fernsten Dämmerung taucht mir nur jener trübe Abschiedsabend empor, an dem, nach einer Reihe der wunderschönsten goldenen Herbsttage, mit denen ich meinen hiesigen Ausenthalt beschloß, zahlreiche Freunde und Kommilitionen mich zum Posthofe geleiteten, von wo unter den lauten Gesängen der zurückbleibenden Genossen und den schmetternden Fanfaren des Posthorns das gelbe Ungetüm von Wagen mich über das unebene Pflaster schlechtbeleuchteter Straßen in die Nacht hinaus entführte, tränenbewegt und doch erwartungsvoll und pochenden Herzens, von widerstreitenden Empfindungen, wie von der Bewegung des schwerfälligen Fahrzeuges, in dessen Inneres ich mich versteckte, herüber- und hinübergeschleudert, bald hoffnungsfroh, bald verzagend, vergeblich in die wolkenverhüllten *) Gemeint ist Adolf Heinrich Graf von Arnim-Boitzenburg (geboren 10. April 1803, starb 8. Januar 1868), der als Nachfolger v. Rochows 1842—1845 Minister des Innern war. Freund hatte damals begründete Aussicht, Hilfsarbeiter im genannten Ministerium zu werden oder ist gar wirklich eine Zeit lang ein solcher gewesen.