Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 7 (1904)
- Article
- David Honigmanns Aufzeichnungen aus seinen Studienjahren (1841/5)
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 158 (sequence 26)
- Language
- German
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158 Ich hatte nun beinahe ein Biennium meiner Breslauer akademischen Laufbahn hinter mir, ohne mit der Konzentration meiner Studien - auf ein abgegrenztes Gebiet erheblich weiter als am ersten Tage gelangt zu sein. Der Entschluß, mich der neuen wissenschaftlichen Theologie auch als Lebensberus zu widmen, ist zwar in mir vielfach durch die immer vertrauter gewordenen Beziehungen zu Geiger und seinem Kreise lebendig gewesen, doch niemals zur vollen Reife gelangt. Ich irrlichterierte deshalb unverdrossen in so manchen fremden Fächern der Wissenschaft herum, trieb ein wenig Orientalia, ein wenig Geschichte und Philosophie, und machte schon einige Versuche in litterarischer Tätigkeit für Zeitschriften, ohne jedoch ein festes Ziel ins Auge zu fassen. Diesem unheilsamen, ja leicht verderblichen Zustande wurde glücklicherweise durch ein unvorhergesehenes Ereignis ein rasches Ende bereitet. Im Herbst 1843 kam der in der philologischen Welt, durch den ersten Teil seines großangelegten lateinischen Lexikons wohl angesehene, aus Breslau stammende, Dr. Wilhelm Freund*), nach mehrjähriger Abwesenheit zu einem kurzen Besuchsaufenthalte hier an. Er war damals mit Geiger innig liiert, um dessen Berufung hierher er sich große Mühe gegeben hatte. Später trat ein Zerwürfnis zwischen ihnen ein, dessen äußerliche Veranlassung mir nicht genau erinnerlich ist, das aber ohne Zweifel in dem wankelmütigen, zur Jntrigue geneigten Charakter Freunds seinen Grund hatte**). Dieser hatte zu jener *) lieber feine Frühzeit vgl. die vermutlich von ihm selbst geschriebene Skizzein Nowacks Schlesischem Schriftsteller-Lexikon I, 44 f. Er starb hier erst am 4. Zuni 1894.. Er stammte übrigens wie Honigmann aus Kempen. Nur war er schon als sechsjähriges Kind mit den Eltern nach Breslau gezogen. **) Heber die Veranlassung des Zerwürfnisses teilt das Richtige L. Geiger mit (Abr. Geigers nachgelassene Schriften V (1878), S. 117 ff). In späteren Jahren hat Freund in mündlichem Verkehr die Verfasserschaft der „Fünf Sendschreiben ... an Geiger . . ." gar nicht in Abrede gestellt. Während der letzten beiden Jahrzehnte seines Lebens habe ich mich seines Umgangs erfreut. Er war eine lebendige Chronik der Emanzipations-' und Reformationsbestrebungen des vorigen Jahrhunderts.