Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 7 (1904)
- Article
- David Honigmanns Aufzeichnungen aus seinen Studienjahren (1841/5)
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 155 (sequence 23)
- Language
- German
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155 indem er in die liefern, gesündern Regionen des Volkslebens, untertauchle, in die er aber wiederum den tötlichen Stickstoff jenes egoistischen Fanatismus einer herzlosen, mit hohlen Phrasen aufgeputzten Gesellschaftsphilosophie verpflanzte. — Nun ruht er hier in der heimischen Erde, das blutige Opfer eines, nicht tragisch versöhnenden, nein, eines sittlich anwidernden, selbstbereiteten Verhängnisses. Er, dem die seit Jahrtausenden von unzähligen Jünglingsherzen schwärmerisch verehrte Göttin der politischen Freiheit noch nicht hoch genug stand, um ihr allein zu huldigender sie zur Magd einer neuen Phantastischen Freiheitsgöttin, der sozialdemokratischen, aus seinem Haupt entsprungenen Pallas-Athene, erniedrigen Wollte, er starb um eines irdischen Weibes willen, das aus der tiefsten Stufe der weiblichen Sitte stand, und seinem blutigen Schatten noch den dunklen Fleck der Entehrung anheftete. Keinen stärkeren Gegensatz zu diesem Bilde wußte ich - aus meinem derzeitigen Umgangskreise hier anzureihen, als das Bild des gleichfalls früh vollendeten Freundes Moritz Goldstein?) Ein poetisches Gemüt, ein tiefbefcheidener Geist, eine wahre anima candida. In früher Kindheit schon mit einem schwächlichen Körper, in das Elend einer weitabgelegenen ungarischen Talmudschule verschlagen, mit der Not in allen Gestalten kämpfend, kehrte er, als strebsamer, geistessreier Jüngling in das Reich der Bildung zurück, um es schrittweise unter den schwersten Entbehrungen durch harte Arbeit für sich zu erobern. Mit dem Tode in der Brust rang er siegreich zum Ziele, wie. ein kühner Schwimmer, Welle auf Welle zerteilend; er erreichte auch das Ufer, aber um auf dem teuer erkauften Plätzchen — sein Grab zu finden. Mir war der Gute mit seltener Anhänglichkeit ergeben, er war dankbar für jede Anregung und Belehrung, ja er assimilierte sich förmlich das ihm zur Verfügung gestellte geistige Besitztum des verehrten, vorgeschritteneren Freundes, mit einer rührenden Offenheit und Harmlosigkeit, *) Geboren 1. Mai 1822, starb 18. Mai 1853 als Prediger der Brüder-Gemeinde in Posen. Eine Sammlung seiner Predigten erschien mit einem Vorwort von A. Geiger.