Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 7 (1904)
- Article
- David Honigmanns Aufzeichnungen aus seinen Studienjahren (1841/5)
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 154 (sequence 22)
- Language
- German
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154 Einfluß der sittlichen Atmosphäre, es war alles eitler Flitterglanz auf einem faulen widerlichen Grunde. Ferdinands erster Prüfungsversuch mißlang; und zwar zur Verwunderung seiner Freunde, denn er hatte tüchtig gelernt. Die Lehrer hatten eben einen schärferen Blick, und merkten, daß es ein leichtsinnig äufgezimmertes Notgebäude auf schwankendem Boden sei, er erschien ihnen wissenschaftlich und sittlich unreif. Seine Eitelkeit wurde erschüttert, aber nicht vernichtet; natürlich wurde alles dem Jntriguengeist der Examinatoren Schuld gegeben, die einen solchen Genius nicht aufkommen lassen wollten. Das zweite Mal, ich weiß nicht mehr, ob an demselben Gymnasium, ging es" besser, und nun stürzte sich der junge Student in den Strudel der philosophischen Dialektik, junghegelschen Stils, mit der ganzen unersättlichenBegier,die ihm eigen war. Ich war inzwischen nach Berlin gegangen, wohin auch Lassalle nach einiger Zeit folgte. Wir trafen uns hier immer. Zufällig einmal, er forderte mich auf ihn zu besuchen,und ich war gleich überrascht, in seiner Wohnung, wie in seinem Aeußern eine ihm bisher völlig fremde ausgesuchte Eleganz zu bemerken. Er war absonderlich kühl, sprach aus einem sehr hohen Ton und erzählte von den vornehmen Kreisen, in denen er verkehrte. Wie es da mit den Studien gehalten wurde, weiß ich nicht mehr. Ich glaube, er sprach höchst verächtlich von den Fakultäten und meinte, er werde keine Vorlesungen hören. Ich fand mich abgestoßen und' ging nicht wieder zu ihm. So war seine Existenz, wie fein weiterer Studiengang, für mich in ein Geheimnis gehüllt, das sich erst nach etwa zwei bis drei Jahren lüftete, als sein Name, in Verbindung mit dem von Oppenheim und Mendelssohn genannt wurde, welche für die später so viel genannte Gräfin Hatzfeld*) am Rhein den berüchtigten Kassettendiebstahl ausführten. So früh war der talentvolle, energische, aber herzlose und nur von Ehrgeiz und Selbstanbetung erfüllte Jüngling in den Moderdunstkreis einer sittlich verdorbenen Gesellschaftsschicht hineingeraten, aus der er sich nur zeitweise zu retten versuchte, *) Sophie Gräfin von Hatzfeldt, war die Tochter des Fürsten Franz Ludwig von Hahfeldt-Wildenburg-Schönstein, geboren 10. August 1805, die sich 1851 von ihrem Gatten, dem Grafen von Hatzfeld-Wildenburg, scheiden ließ und am 25. Januar 1881 in Wiesbaden gestorben ist.