Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 7 (1904)
- Article
- David Honigmanns Aufzeichnungen aus seinen Studienjahren (1841/5)
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 152 (sequence 20)
- Language
- German
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152 weichenden religiösen Anschauungen, und auch ohne jederzeitige volle Uebereinstimmung unserer politischen Standpunkte, dennoch in einem ununterbrochenen herzlichen Verkehr verblieben bin, der sich eben auf jene idealen Jugendbestrebungen und die Erinnerung daran stützte, bin ich mit Lassalle*) schon kurzeZeitdarauf völlig auseinandergekommen. Seine wunderbar exzentrische, kometenartige Lebensbahn, die in einem blutgedüngtem Glanz zu Ende lief, nachdem sie stellenweise allerdings zwar gewaltige imponierende Wendungen genommen, konnte von unsren schlichten, an dem großen geschichtlichen Horizont kaum bemerkbaren Wandelkreisen nur an ihrem gemeinsamen Ausgangspunkt berührt und durchschnitten werden. Er verschwand nur zu bald unfern Blicken, um in uns fremden Regionen der gesellschaftlichen Höhen und Tiefen seinen dunklen, von unheimlicher Glut erfüllten Genius sich ausstrahlen und ausleben zu lassen. Aber dieser leuchtende Schimmer blendete un s nicht, die wir den Grundstoff seines meteorischen Wesens in der ersten organischen Bildung aus nächster Nähe zu erkennen Gelegenheit gehabt hatten. Wir wußten, daß es kein fester, in der vulkanischen Flamme echter Herzensbegeisterung gestählter, aus tiefster sittlicherUeberzeugung natürlich hervorgewachsener Charakterkern sei, der im Mittelpunkt dieser flimmernden Lichthülle verborgen sitze; wir wußten, daß trübe, schlüpferige und widerstrebende Elemente hier durch die Glühhitze eines früh entzündeten Ehrgeizes und den fächelnden Luftstrom einer von allen Seiten bis zur Selbstvergötterung genährten, angeborenen und anerzogenen Eitelkeit, zu einer leidlichen Masse zusammengeknetet seien, die durch den Farbenschimmer eines ungemeinen Talents und einer bestechenden Persönlichkeit, das völlig täuschende Ansehen eines göttlichen Urstoffs angenommen haben. Die Natur hatte zu diesem modernen Götterbilde von unleugbar olympischer Faoon sich nicht des echten edlen Marmors, sondern jenes nachgemachten Materials bedient, das in unsren Salons vollkommen die Wirkung des Marmors *) Geboren 11. April 1825 in Breslau, starb in Genf 31. August 1864. Vgl. A. d. B. 17, 740 ff. Handwörterbuch der Staatswissenschaften, IV, 995 ff.