Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 7 (1904)
- Article
- David Honigmanns Aufzeichnungen aus seinen Studienjahren (1841/5)
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 151 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3111067-3111080-3112432--1884-3112595- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
151 hange will ich noch als Kuriosität erwähnen, daß wir drei, mit mehreren andern Studenten, eine Zeitlang auch an einer Art freien Vorgymnasiums utlterrichteten, welches mit dem von Geiger im Jahr 1842 hier gegründeten „Lehr- und Leseverein"*) verbunden war, und den Zweck hatte, die vielen, aus den Nachbarprovinzen und aus Polen hier einwandernden, mit regem Bildungstrieb ausgestatteten, aber für ihr Alter in den Schulkenntnissen meist sehr vernachlässigten jungen Leute, zum Teil Talmudjünger, für die höheren Gymnasialklassen vorzubereiten. Es wurde ein förmlicher Kursus eingerichtet, und ich Erinnere mich, daß Lassalle im Griechischen, Friedmann in der Geometrie, ich in Latein, Deutsch und Geschichte den Unterricht erteilte. Nicht wenige, später zur Bedeutung gelangte Männer haben dort, wenn auch nur kurze Zeit, eine Grundlage ihres Lebens erlangt; ich nenne nur den russischen Staatsrat und Professor Chwolsohn in Petersburg**), der als vollständig wilder, unverständlicher, litauischer Barbar im geblümten Kaftan mit Ringellocken an den Schläfen von Wilna hier eintraf, und seine vollkommene Geisteskultur in wenigen Jahren hier durch rüstiges Arbeiten sich aneignete, und den jetzt durch seine parlamentarische Stellung so hervorragenden Assessor Eduard Lasker.***) Während ich mit Friedmann, trotz unserer so entschieden ab- *) Er wurde am 29. Mai 1842 eröffnet und wollte „den Mitgliedern die Gelegenheit geben, sich mit den literarischen Erscheinungen im Gebiete des Judentums bekannt zu machen und deren Verständnis sich zu erwerben". Die Bibliothek der Synagogen - Gemeinde, die jetzt über etwa 6000 Bücher verfügt, verdankt dem Verein ihre Entstehung. **) Geboren 3. Dezember 1819 (21. November a. St.). Zu seinem 80. Geburtstage gab Baron David Günsburg ein „reculil de traveaux rediges en memoire du jubile scientifique de M. Daniel Chwolsohn“ in Berlin 1899 heraus. Chwolsohn ist noch heute mit rüstiger Schaffensfreudigkeit literarisch tätig. Erst jüngst erschien von ihm: „Die Blutanklage und sonstige mittelalterliche Beschuldigungen der Juden." 3. Auflage. (Frankfurt a. M. 1901.) ***) Geboren in Jarotschin (Provinz Posen) 14. Oktober 1829, starb zu New-Uork 5. Januar 1884. Ein Lebensbild von ihm entwarf Tobias Cohn im „Jahrb. f. d. Gesch. d. Juden und des Judentums." IV. (Leipzig 1869.) S. 3-141. .; .